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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 304

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
Date
1924-01-01
Page
304 (sequence 10)
Language
German
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304 Leo Strauß: aus der Schrift aufnehmen kann. „Durch die Schrift also soll der Wille bewegbar werden, wenn er von der Vernunft unbewegbar bleibt!" In der Tat? diejenigen, deren Willen nicht durch die Vernunft bewegbar sind, werden nur durch den Gehorsam zum sittlichen Handeln veranlaßt. Der Wille des Unweisen ist identisch mit seiner gehorsamen Vernunft, wie der Wille des Weisen identisch ist mit seiner autonomen Vernunft. In jedem Fall: Intellectus et voluntas unum et idem sunt. Von einem Widerspruch der Lehre vom nur-praktischen Charakter des Glaubens mit der Lehre der Ethicä kann also keine Rede sein Der tiefere Grund des Mißverständnisses ist, daß Cohen die hier wie auch sonst im System Spinozas anerkannte Rangordnung übersieht, der gemäß der Gehorsam gegen Gott eine in sich berechtigte niedrigere Form des menschlichen Verhaltens zu Gott ist, dessen höchste Stufe der amor Dei intellectualis ist. Cohen stellt statt dessen einen „unausgleichbaren Gegensatz zwischen Religion und Philosophie" im Traktat fest. Die Wahrheit kann nur von der autonomen, theoretischen Vernunft erfaßt werden. Das Heil der Seele darf aber nicht von der Erkenntnis abhängig gemacht werden, da es sonst den meisten Menschen unerreichbar wäre. Die Wahrheit läßt sich nur wissen, nicht glauben. Man hat sie nur, wenn man sie versteht — wenn man sie nicht versteht, hat man nur Worte. Unverstandene, bloß geglaubte Wahrheiten können das Heil der Seele gefährden (z. B. kann die unverstandene Prädestinationslehre zur laxesten Moral Veranlassung geben) — und innerlich aufgenommene, das Herz des Menschen formende Unwahrheiten können zum Heil der Seele beitragen (z. B. der Glaube an die Existenz von Engeln). Wir verstehen also Spinozas These, die Cohen so ausdrückt: Spinoza „stellt die Religion überhaupt außerhalb des Gebietes der Wahrheit". Er zitiert voll Empörung: „Dogmen von dieser Art könnten in Ansehung des einen fromm und in Ansehung des anderen gottlos sein; denn sie sind eben bloß nach den Werken zu beurteilen." Cohen: „Daß diese Theorie sich selbst in Widersprüche auflösen muß, kann nicht bezweifelt werden." Wir werden sehen. Spinoza stellt — um eine dem Durcheinander der religiösen Lehrmeinungen des Jahrhunderts entrückte Instanz zu schaffen — eine Reihe solcher Dogmen auf, die die logische Voraussetzung des Gehorsams gegen Gott und der Liebe^sum Nächsten sind. Es kommt dabei nicht auf Wahrheit, jauf Geltung für die höchste Stufe des Menschengeistes, die autonome philosophierende Vernunft, an. Gibt es doch für diese die Kategorie des Gehorsams gegen Gott nichtl Cohen nimmt daran, daß die Einzigkeit Gottes in diesem Zusammenhang erwähnt wird, besonderen Anstoß. „Und die Einzigkeit Gottes soll nicht auf Erkenntnis beruhen? Der Kenner der jüdischen Religionsphilosophie geht mit keinem Worte darauf ein, daß die Einzigkeit nur ein Problem der Erkenntnis ist . . ." Daß die Einzigkeit in legitimer und endgültiger Weise nur dem Denken zugänglich ist — Spinoza hatte es nicht nötig, davon viel Aufhebens zu machen. Aber sie ist nicht jedermanns Denken zugänglich, und jedermann muß, wenn er

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