Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 303 (sequence 9)
- Language
- German
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Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas sondern daß er ihn aus der Schrift herleitet". Er sah darin die Konsequenz der publizistisch-denunziatorischen Tendenz. Wir haben gesehen, daß Spinoza ad hominem argumentiert. Es scheint also wenig daran zu lifcgen, ob diese Argumentation zu einem ,,vollkommenen Widerspruch" „für den Spinoza der Ethik" führt. Der Widerspruch ließe sich so aus der in dem Zeitalter der Aufklärung nicht seltenen äußerlichen Akkomodation an kirchliche Lehren erklären. Aber der Widerspruch bliebe bestehen und gäbe dem Verdacht neue Nahrung. Wir werden also näher zusehen müssen. Auf den Widerspruch zwischen dem Willensbegriff der Ethica und demjenigen, welcher Voraussetzung der religionsphilosophischen, bzw. theologischen Lehren des Traktates ist, bezieht sich Cohens erster philosophischer Einwand. „Der Glaube ist nach Spinoza der Gehorsam gegen Gott. Also nicht ein theoretisches Verhältnis zu Gott vollzieht und bedeutet der Glaube, sondern lediglich ein praktisches." Warum bestreitet Spinoza den theoretischen Charakter des Glaubens? Er tut dies erstens um der Wahrung der Autonomie der Vernunft willen — er tut es aber auch zweitens, um die Bindung der Seligkeit an den Glauben an alle in der Bibel überlieferten Ansichten und Ereignisse aufzuheben. Cohen substituiert nun aber dem protestantischen Schriftglauben — der nicht ohne ein jüdisches Analogon sein dürfte, wie z. B. die Begründung des Bannspruchs gegen Spinoza zeigt —v gegen dessen theoretischen Wert sich Spinoza wendet, seinen (sit venia verbo) Maimonideisch-Kantischen Vernunftglauben, dessen Norm nicht das in der Schrift als Schrift über Gott Gesagte, sondern der Begriff Gottes ist, und er wundert sich, daß Spinoza trotzdem die Erkenntnis Gottes vom Glauben ausschließt. Den „Glauben", den Cohen den Erörterungen des Traktates substituiert, kennt Spinoza nicht, sondern zuerst und vor allem den Glauben an die Schrift als Norm der Wahrheit und Kennzeichen frommer Gesinnung, der damals eine Wirklichkeit ersten Ranges war. Die in Cohenschen Worten zitierte These Spinozas besagt also nichts anderes als: Der Glaube an die „Wahrheit" aller Schriftstellen hat keine Bedeutung für die Erkenntnis. Nun substruiert Spinoza allerdings seinen Glaubensbegriff dem orthodoxen. Der Glaube ist nicht Glaube an einen Inhalt um dieses Inhalts willen, sondern er kann, sofern der Glaube selig macht, nur Ausdruck derjenigen Gesinnung sein, deren Lohn oder die selber „Seligkeit" heißt. Diese Gesinnung ist der Gehorsam gegen das göttliche Gebot der Liebe zum Nächsten. Spinoza untersucht die Bibel, und er findet, nur in dem von ihm verstandenen Sinne sei der Glaube in der Schrift geboten, nicht aber als Glaube an die in der Schrift berichteten Meinungen und Taten. Cohen fährt hier das „Scharfgeschütz der Ethik" auf: „Wie ist denn nun aber die menschliche Handlung möglich, wenn sie nicht durch die Vernunft, die bei Spinoza ohnehin gleichbedeutend ist mit dem Willen, geleitet wird?" Weil die Normen sittlichen Handelns jedem Menschen, auch dem nicht von der Vernunft geleiteten, eingeschrieben sind, und weil sie zudem jeder