Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 302 (sequence 8)
- Language
- German
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Leo Strauß: Spinozas Haß gegen das Judentum plausibel zu machen suchte. Er kommt zu dem Ergebnis: „Zeit und Reihenfolge der biblischen Schriften mochte ein solcher Mann beleuchten können. Diese Verdienste sind hinreichend begreiflich. Aber es stände schlimm um die Bibelkritik, wenn sie in solcher Philologie sich erschöpfte; wenn sie daher in ihrem Verständnis der Bibel, ihrem Verständnis der Propheten, wirklich und innerlich auf den Schultern. Spinozas stände." Nicht wenig hängt von der Haltbarkeit von Behauptungen ab, die zu einem solchen Urteil führen müssen. Wir haben die zweite entkräften und der ersten ihre Schärfe nehmen können, indem wir zeigten: daß die „unnatürliche" Verbindung von Politik und Philologie, die politisierende Tendenz in der Bibelauslegung, die Leugnung des Erkenntnischarakters der Religion in dem geschichtlichen Zusammenhang, in dem Spinoza steht, aus dem Streben nach Befreiung der Wissenschaft und des Staates von kirchlicher Bevormundung notwendig hervorgingen. Spinoza war aus legitimen Motiven zur Bibelkritik gezwungen, gleichviel ob er von Haß gegen das Judentum erfüllt war oder.nie h't. II. Der aktuelle, geschichtlich bedingte Zweck des Traktates, so legitim er auch sein mag, ist eine Fehlerquelle für die reine Erfassung des Inhaltes der Bibel. Zwar ist das Streben nach Befreiung der Wissenschaft und des Staates von kirchlicher Bevormundung in dieser Hinsicht nicht gefährlicher als die Schriftauslegung zur Stützung kirchlicher Machtansprüche. Immerhin ist durch diese Konfrontierung die Unsachlichkeit der Bibelforschung Spinozas nur entschuldigt, nicht aufgehoben. Spinoza muß ad hominem argumentieren; dadurch läuft er Gefahr, von dem tieferen Zusammenhang philosophischer Motive, den die Ethica ausmacht, fortgezogen zu werden, mit diesem Zusammenhang in Widerspruch zu geraten. Der Nachweis eines solchen Widerspruchs gäbe dem Vorwurf der -Unsachlichkeit ein verstärktes Gewicht. Würden wir unsererseits einen Versuch eines derartigen Nachweises als unzulänglich erweisen, so hätten wir damit noch nicht die Sachlichkeit des Traktates, d. h. hier: seinen inneren Zusammenhang und Einklang mit dem philosophischen System der Ethica, gesichert: wären doch vielleicht andere Widersprüche nachweisbar! Die positive Aufgabe einer Herleitung der Grundlagen der Spinozischen Bibelwissenschaft aus dem System der Ethica kann jedoch an dieser Stelle nur gestellt werden. Mit ihrer Lösung wäre die Aktualität des Traktates von dem schwersten Verdachte befreit. Indem es sich nunmehr also für Cohen um den Nachweis eines Widerspruchs zwischen philosophischen Thesen handelt, ist die in dem bisher besprochenen Teil der Analyse eingenommene Ebene verlassen: wir atmen wieder die reine Luft philosophischer Argumentation. Cohen hatte Spinoza den Vorwurf gemacht,-daß er „den Begriff der Religion nicht aus dem Gesichtspunkte seiner Ethik zu bestimmen sucht,