Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 301 (sequence 7)
- Language
- German
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Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas 301 ich wäre — ein Gedanke, um derentwillen man im Zeitalter Spinozas ganz ohne Frage, und vielleicht ohne daß Spinoza dagegen protestiert hätte, verbrannt worden wäre — nur in diesem Falle könnte sich die Vernunft den Nachweis ersparen, daß der Glaube und die Schrift als Norm des Glaubens keine wesentliche Erkenntnisbedeutung haben. Damit ist nicht ausgeschlossen, daß im Glauben, bzw. in der Schrift Erkenntnismomente mitwirken. Spinoza mußte „diesen Unbegriff von Religion hervorbringen dadurch, daß er die Gotteserkenntnis gänzlich vom Glauben ausschließt" — nämlich, damit nicht der orthodoxe Unbegriff von Wissenschaft durchdringe; nicht, um das Ansehen der Schrift und des Judentums zu schädigen« Was sagt nun Cohen? ,,Es ist die erste Konsequenz, welche sich aus dieser unnatürlichen Verbindung der Probleme (sc. der von Politik und Philologie) ergibt: daß Spinoza den Begriff der Religion nicht aus dem Gesichtspunkte seiner Ethik zu bestimmen sucht, sondern daß er ihn aus der Schrift herleitet, und daher mit dem Inhalt der Schrift, den das sogenannte »Wort Gottes* bildet, schlechterdings gleichsetzt. Es bildet sich so bei ihm eine Identität der Begriffe; Wort Gottes, Offenbarung, allgemeine Religion, göttliches Gesetz und Glaube." Diese Identität bildet sich, wie wir gesehen haben, nicht erst bei Spinoza. Sie erscheint ebensowenig ,,unnatürlich" wie die Verbindung von Politik und Philologie, wenn man sich die Frage vorlegt, zu wessen Aufklärung (und nicht: für wessen Bezahlung und zu wessen Denunziation) Spinoza den Traktat geschrieben habe. Mag es sich hier um unvernünftige Identifikationen und Verbindungen handeln — sie waren im 17. Jahrhundert so „natürlich" wie* im 19. Jahrhundert die Verbindung und Identifikation von Prophetie und Sozialismus. Also: die Identifikation von Religion und Schrift, und damit die Leugnung des Erkerntniswertes der Religion ist in dem historischen Zusammenhang, in dem Spinoza steht, hinreichend motiviert. An dieser Stelle mag eine prinzipielle Bemerkung Platz finden. Wir sind hier vom Interesse des Judentums bestimmt. Dieses wird in der gewichtigsten Weise von der Frage betroffen, welchem Bilde von der biblischen Welt die verpflichtende Kraft der Wahrheit zukomme. Darum interessiert uns Spinoza, der durch seine Kritik mehr als irgend, ein Anderer zur Beseitigung des traditionellen Bildes beigetragen hat. Nun ist zwar die kritische Argumentation als solche in gewissen Grenzen unabhängig von den philosophischen oder politischen oder selbstischen Motiven, die den Autor zu ihr veranlaßten. Aber die tiefere Bedeutung dieser Kritik hängt ganz ab von deren Ansatz, von dem Zusammenhang der Motive, der sie belebt. Ist dieser Zusammenhang wertlos, so ist sie ein rein philologisches Unternehmen. Cohen behauptete dies: Spinoza baue „auf eine schriftstellerische Wirkung hin, und zwar auf eine aktuelle, seine Gedanken" aus. Er überbot diese Behauptung noch, indem er die Unwahrhaftigkeit der ganzen Kritik durch den Hinweis auf