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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 300

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
Date
1924-01-01
Page
300 (sequence 6)
Language
German
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Leo Strauß: zipiellen Gründen den Gewaltcharakter des staatlichen Verbandes betonen muß. Wie es auch mit dem sachlichen Recht dieser Bestreitung stehe — für unsere Kritik genügt es, daß Cohen gegen diese Bestreitung nach seinem ganzen Standpunkt nichts einwenden kann. Nicht an Spinoza liegt es also, wenn seine Darstellung des Inhalts der Bibel unter unwissenschaftlichen, nicht mit der Herausstellung dieses Inhalts um des Inhalts selber willen identischen Zwecken leiden sollte. Wenn die Orthodoxie ihre politischen Ansprüche durch Berufung auf die Autorität der Schrift kugelfest machen konnte, so war es den Liberalen nicht zu verdenken, wenn sie sich desselben Mittels bedienten. Spinoza betrachtet die Bibel ja gar nicht als Erster in politischer Hinsicht, diese Richtung der Betrachtung ist seinem Zeitalter selbstverständlich: er dreht nur den Spieß mit erstaunlicher Energie um. Es gehört zu der geistigen Lage, von der Spinoza ausgeht, daß „biblische Analogien im politischen Raisonnement die stärkste Beweiskraft hatten". Daß sich der Calviner nun auf die Bibel und nicht auf das Neue Testament stützte, hat seinen wohl bekannten Grund darin, daß es m der Bibel „geistliche Gewalten" gibt, die für die konkreten politischen Entscheidungen manches bedeuten, während das Neue Testament Gott und Kaiser trennt und dem Christen anbefiehlt, der weltlichen Obrigkeit Untertan zu sein. Daher mußte sich auch der Gegner der Calvinischen Orthodoxie, wenn er diese entscheidend treffen wollte, an die Bibel halten und deren „geistliche Gewalten" ihres religiösen Schimmers berauben. Also: Die politisierende Auslegung der Bibel ist in dem historischen Zusammenh an g, in dem Spinoza steht, hinreichend motiviert. Ein weiteres Moment der geistigen Lage des 17. Jahrhunderts ist die protestantische Orientierung der Religion am Glauben und an der Schrift. Wort Gottes, Offenbarung, allgemeine Religion, göttliches Gesetz und Glaube — das ist in der Tat für den Protestanten von damals wenn nicht identisch, so doch gleichwertig. Für Spinoza war nach seinem ganzen Standpunkt die Überordnung der autonomen Erkenntnis über die Autorität der Schrift von vorne herein selbstverständlich. Er mußte nun aber auch, ad hominem argumentierend, zeigen, daß die Schrift nicht die wesentlichen, zum Teil auch von der Kirche selbst gelehrten Erkenntnisse, die man der Vernunft verdankt, enthalte, ja daß die Schrift ihrem eigenen Sinne nach gar nicht Erkenntnisse vermitteln wolle. Erkenntnis ist bei Spinoza immer (mittelbar oder unmittelbar) Erkenntnis Gottes. Bei dem ontischen Primat Gottes vor den geschaffenen Dingen würde eine Delegierung der Erkenntnis Gottes an die Schrift und der Erkenntnis der geschaffenen Dinge an die autonome Vernunft doch wieder zu einer autoritären Bindung der Vernunft führen. Daher ist es eine Lebensfrage für die Vernunft, ihren Vorrang gegenüber der Schrift, womöglich die Irrelevanz der Schrift in Hinsicht auf wissenschaftliche Geltung nachzuweisen. Nur falls Gott keinen Seins-Charakter hätte, etwa eine Idee oder ein Ideal wäre, und also eine wahrhafte Erkenntnis der seienden Dinge auch ohne Rekurs auf Gott mög-

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