Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 298 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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298 Leo Strauß: Forschung auch unabhängig von irgend welchem Rechtfertigungs- oder Rachebedürfnis auszusprechen vorhatte, das ist für die Erklärung des Inhalts nebensächlich; denn dieser Inhalt liegt vor dem Bann: Wegen „verabscheuungswürdiger Lästerungen Gottes und Mosis" wurde er gebannt. Ist es nötig, Hermann Cohen den Gedanken, mit dem die Kritik der reinen Vernunft beginnt, entgegenzuhalten? Daß Spinozas Bibelkritik mit dem Banne anfängt, daran kann man zweifeln — gesetzt aber, sie begänne mit dem Banne, so entspränge sie darum doch nicht eben allein aus ihm. Das Wesentliche, den Inhalt, hätte sein eigener Denkzusammenhang — durch den sinnlichen Eindruck des Banns bloß veranlaßt — aus sich selbst hergegeben. „So sehen wir, daß das angeblich psychologische Interesse einen kritischen Unterschleif macht, der verhängnisvoll und typisch ist", also beschließt — Hermann Cohen seine Darlegung des erwähnten Gedankens auf Seite 97 f. der 3. Auflage seines berühmten Werkes: „Kants Theorie der Erfahrung". Berufung auf Tatsachen aus der Lebensgeschichte eines Denkers ist sinnvoll, wenn sie beglaubigte Tatsachen von symbolischem Werte für das Werk des betreffenden Lebens heranzieht. Was hat man aber von Erklärungen zu halten, die bloß vermutete, für das zu erklärende Werk gleichgültige Tatsachen heranziehen, in der Art der folgenden: Spinoza „hat den Druck der Schrift offenbar deshalb unterlassen, weil er in einem größeren Umfang und in einer weiteren Perspektive den Schlag gegen die Gegner führen wollte. Vielleicht mag ihm auch der Gedanke eine zweideutige Genugtuung bereitet haben, daß er seinen Kampf gegen das Judentum und dessen biblische Quelle zugleich im Geiste seiner Politik führe"? Wollte man diese Vermutung ablehnen, so würde die Cohensche Erklärung der Verbindung von Theologie und Politik im Traktate nicht einmal im äußerlichsten Sinne zureichen. Denn wenn Spinoza einerseits eine Agitationsschrift für Jan de Witt, andererseits ein Pamphlet gegen das Judentum schreiben wollte, so hatte er es noch nicht nötig, beide Pläne mittels eines Buches auszuführen. Also stützt sich Cohens Erklärung, abgesehen von ihrer Unsachlichkeit, auf eine pure Vermutung. Also: Die Verbindung von Staatstheorie und Bibelkritik ist in dem historischen Zusammenhang, in dem Spinoza steht, hinreichend motiviert1). So viel über das Problem des Titels. Auch dem Inhaltsverzeichnis widmet Cohen eine sorgfältige Prüfung, und hierbei stellt er fest: „nahezu zwei Drittel des ganzen Buches handeln von der biblischen Theologie". (Kapitel 1 bis Ii«.) Außerdem ist der Gegenstand der Kapitel 17 und 18: Staat und Geschichte der Hebräer. „Der Traktat hat 20 Kapitel." Ein weiterer Beweis für die argen Ränke Spinozas. Cohen würde sich auf diese statistischen Angaben nicht einlassen, wenn er ihnen nicht einige Beweiskraft für die Behauptung zutraute, daß Spinoza „seinen ganzen Groll über J) Es liegt hier nahe, auf die Behandlung bibelkritischer Fragen in Hobbes staatsphil osophischer Schrift „Leviathan" zu verweisen.