Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 297 (sequence 3)
- Language
- German
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Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas 297 Philosophierens nicht nur unbeschadet der Frömmigkeit und des Friedens im Staate zugestanden, sondern daß sie nur zugleich mit dem Frieden im Staate und der Frömmigkeit selbst aufgehoben werden könne" — so ergibt sich sofort die Notwendigkeit der Verbindung des politischen Problems mit dem philologischen. Die Freiheit der Forschung sollte gegenüber den öffentlichen Gewalten gesichert werden — der öffentlichen. Gewalten waren aber zwei: die weltliche und die geistliche. Einesotiefe Wurzel wie den Zusammenhang, aus dem sich die Trennung der beiden Gewalten ergibt, hat die Verbindung der verschieden gearteten Probleme im Traktat. Denn: dem Staate gegenüber genügte, da es sich um eine liberale Regierung handelte, die rationale Konstruktion; die kirchlichen Ansprüche aber gründeten sich weniger auf die Vernunft als auf die Schrift. Es mußte also nicht nur nachgewiesen werden, daß die Vernunft eine solche Vormundschaft der Kirche nicht anerkennt, es mußte auch gezeigt werden, daß sich die Kirche nicht auf die Schrift berufen könne. Dieser Nachweis setzte aber die erfolgreiche Bestreitung des Rechtes der kirchlichen Schriftauslegung voraus. Es mußte, da es in der Schrift vermutlich Anhaltspunkte für die kirchlichen Ansprüche gibt, gezeigt werden, daß die Schrift nach ihrem eigenen, tieferen Sinne keine die freie Forschung bindende Autorität sein könne. Spinoza mußte sich also, sofern er nicht die geschichtliche Wirklichkeit seiner Zeit übersehen wollte, bei dem Versuch, die Freiheit der Forschung zu sichern, zugleich mit Kirche und Staat auseinandersetzen. Um der Auseinandersetzung mit der Kirche willen mußte er die Stützen der kirchlichen Argumentation, die Autorität der Schrift und die kirchliche Schriftauslegung,, umstoßen. So „natürlich" ist die allgemeine Disposition des Traktates, wenn man von dessen sachlicher Tendenz ausgeht. Ihre „isolierte Sachlichkeit " haben so freilich die beiden Probleme: das staats-theoretische und das bibelkritische „eingebüßt". Aber „eingebüßt"? Kann man von einer sachlichen Isoliertheit der politischen und der kirchlich-theologischen Probleme im 17. Jahrhundert sprechen? „Die Bibelkritik wäre in der Tat nicht in dieses Buch gekommen, wenn sie nicht durch ein anderes Moment im Leben Spinozas vorbereitet wäre/* Dieses andere Moment ist der von der Amsterdamer Synagoge über Spinoza verhängte Große Bann, bezw. die „Protestschrift" Spinozas „gegen den über ihn verhängten Bann". Zugegeben: Spinoza hätte die aus der „Protestschrift" hervorgegangenen Teile des Traktates nicht geschrieben, wenn er die „Protestschrift" nicht geschrieben hätte; er hätte diese nicht geschrieben„ wenn er nicht gebannt worden wäre; er wäre nicht gebannt worden, wenn —- ja, wann? Wenn er nicht dasjenige gesagt und getan hätte, was er i n der „Protestschrift" rechtfertigt. Aber das heißt idem per idem erklären t Spinoza hätte die Bibelkritik nicht geschrieben, wenn er nicht bibelkritische Ansichten gehabt hätte. Ob der Traktat seinem Dasein nach zum Teil eine Reaktion auf den Bann ist oder ob Spinoza die Ergebnisse seiner