Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Cohens Analyse der Bibel-Wissenschaft Spinozas
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 296 (sequence 2)
- Language
- German
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296 Leo Strauß: bereits an dem Titel: „Theologisch-politischer Traktat": Es fehle dabei „der Hinweis auf die Philosophie, die bei der Theologie, wie bei der Politik, mitwirken dürfte". Wir werden, in historisch-kritischer Weise auslegend, feststellen, daß diesei Hinweis im 17. Jahrhundert entbehrlich war. Andererseits hatte es Cohen selber nötig, seinem theologischen Hauptwerk die Aufschrift „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" zu geben, da man sich in unserem Jahrhundert unter einer „Religion aus den Quellen des Judentums" möglicherweise etwas ganz anderes vorstellen würde. In der Kritik am Titel ist die Kritik am Buche in nuce enthalten. Die Philosophie fehlt, und ohne das philosophische Band muß die Zusammenstellung von Theologie und Politik willkürlich erscheinen. So erweckt bereits die Prüfung des Titels den Verdacht, daß das Buch unsachliche Voraussetzungen haben könnte. Eine vielleicht aus der theologischen Wissenschaft der Apologetik herstammende Methode der Geschichtsschreibung kommt hier zur Anwendung: Wenn eine Stelle bei einem nicht inspirierten Autor dem Ausleger unverständlich ist oder wenn sie ihm anstößig vorkommt, so hat dieser nach dem Leben des Autors zu fragen. In dessen dunklen Ecken wird er die Erklärung für die dunkle Stelle finden. Solcher dunklen Ecken finden sich im Leben Spinozas diese beiden: Erstens hat er es über sich gebracht, für seine politische Schriftstellerei im Dienste der Staatsmacht ein Jahrgeld von dieser zu beziehen — dies ist die „Politik" — und zweitens läßt ihn seine feindselige Gesinnung gegen das jüdische Volk als zu dem „ausgeprägten Typus, den der Denunziant in der Geschichte der Judenverfolgungen bildet", gehörig erscheinen — dies ist die „Theologie". Cohen deutet die furchtbaren Vorwürfe, für die er sich übrigens auf einen unverfänglichen nichtjüdischen Darsteller berufen kann — auf eine „unparteiische Seite"— nur an, allerdings so, daß kein Mißverständnis möglich ist. Jedenfalls zeigt sich hier in überraschender Weise das Leben als die Vermittlung zwischen Gedanken, die „nur in sehr losem Zusammenhang stehen". Wie vollkommen auch immer die Aufklärung sein mag, die diese lebensgemäße und lebensgerechte Erklärung verschafft — wir wollen versuchen, ohne sie auszukommen. Da es sich an dieser Stelle nicht um die Methodik der Auslegung überhaupt handelt, genüge es, dieser die persönlichen Verhältnisse stark berücksichtigenden Auslegungsart die historisch-kritische gegenüberzustellen, deren Prinzip für unseren Zusammenhang sehr schön durch Mommsens Wort ausgedrückt wird: es sei unerlaubt, sich auf „egoistische" Motive zu beziehen, wo die „pflichtmäßigen" zur Erklärung ausreichen. Cohen glaubt also, die erwähnten peinlichen Tatsachen aus dem Leben Spinozas zur Erklärung ¥ der „unnatürlichen" Verbindung von Literarkritik mit der „publizistischen Aufgabe" einer Staatsschrift für den holländischen Staatsmann Jan de Witt heranziehen zu müssen. Betrachten wir nun aber den Traktat als ein aus „pflichtmäßigen" Motiven entsprungenes Werk, — es werde in ihm gezeigt, so sagt der Titel, „daß die Freiheit des