Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Bei den Kommunisten in En Charod
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 289 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Bei den Kommunisten in En Charod 289 Organismus war geordnet worden! Ich weiß nichts, was besser für den Sozialismus zeugen und überzeugen könnte, als diese Arbeitergemeinschaft. Nach dem Essen — Eierfrucht als Vorspeise, eingebrannte Bohnen, dunkles Brot, Tee — wurde es gesellig. Die Gemeinschaft löste sich, die Zellen schlössen sich enger zusammen, es war wie das Gleichnis zur Verdauungstätigkeit eines Organismus. Im Saal blieben nur eine Sängergruppe und jene, die sich zum Schachspiel setzten, alle anderen begaben sich ins Freie. Plaudernd, singend, lachend, rauchend saßen sie in Gruppen beisammen. Andere spazierten. Die Nacht war vollmondhell, durchflutet vom milden Blau des Himmels, vom Licht der Sterne. Und man konnte weithin deutlich schauen und unterscheiden — die Landschaft lag wie in Sonnenschein, gesehen durch ein gelbgefärbtes Glas. Mir fiel ein, wo jetzt die Einsamen wären, die es hier wie überall geben müsse, jene von der Geburt und vom tiefsten Befehl des Blutes zum Alleinsein, zum starken Gefühl, zum einenden Gedanken Bestimmten. Ich ging, sie zu suchen. Und ich sah sie, durchs Lager gehend, in den Zelten sitzen, bei Lampenlicht lesen oder schreiben. Als ich bis zum Bach gekommen war, erblickte ich auf dem Felde zwei, ein Mädchen und ein Bursche, Arm in Arm gehen; sie sangen, und ich verstand, daß es vor Glück geschah. Jenseits des Baches lagerte die große Karawane, die ich in der Dämmerung heranziehen gesehen hatte. Kamel lag neben Kamel und dazwischen in Gruppen Beduinen. Die Kamele waren getränkt worden, nun aßen sie; vor jedem Tiere lag auf einer Plache ein Haufen Körner und es aß langsam von ihnen, bedächtig den Kopf senkend und hebend. Sie glichen Menschen, die schwarze Brillen tragen und beim Essen über die Gläser blicken, müde, gleichmütig und ein bißchen neugierig. Vor ihrem Zelte traf ich Rahel und wir blieben im Mondlicht stehen, von vielen Dingen sprechend. Sie erzählte mir von ihrem begebnisreichen Leben. Später gingen wir ins Zelt, und ich erfuhr in Beziehung mit anderem, daß die Kolonisten in der nächsten Zeit auf den Hügel hinter der Kwuzath Hagiwah ziehen werden, um endlich gesünder zu leben und an Kraft für das Werk zu sparen. Dort würden sie auch wieder mit ihren Kindern vereint sein, die jetzt in Kfar Jecheskiel wohnen, um nicht an Malaria zu erkranken. Als es Zeit zum Schlafen geworden war, ging sie mit mir, um für mich ein Bett zu suchen. Wir trafen einen Chawer, mit dem ich beim Nachtmahl gesprochen hatte — er hatte für mich ein Zelt gefunden, dessen Bewohner auf Urlaub waren. Das Zelt ist, wie alle, die ich gesehen habe, peinlich sauber. Der Sandboden ist mit Strohmatten bedeckt. Die Einrichtung besteht aus zwei weißgestrichenen Eisenbetten, über welchen Moskitonetze befestigt sind, einem Tisch mit Büchern und verschiedenen Gebrauchsgegenständen, einer primitiven Waschvorrichtung, einer Kleiderkiste und zwei Stühlen. An der Zeltstange ist die Lampe aufgehängt. Es ist hier überall sauber, weil genug Frauen da sind. Sauber im Wirtschaftlichen und gesund im Sexuellen. Der bedrückende Atem einer Ge¬ Heft 5/6. 19