Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Bei den Kommunisten in En Charod
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 288 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Albert Maurüber: künstlichen Bewässerung oder am Aufhacken des Bodens für die Nacht, damit er den reichen Tau aufnehmen kann. Jenseits des schnurgeraden Bahngeleises beginnen die Pflanzungen von Kfar Jecheskiel. Die Anlage der Alleen, die hier einmal führen werden, ist gut zu erkennen; Drahtzäune schützen die Bäumchen vor den arabischen Herden. Ich gehe durch die Kolonie, passiere ein rings geschütztes Tal, in welchem Steinsprengungen vorgenommen werden, und steige den Hang zur Kwuzath Hagiwah hinauf, mitten durch eine großartige Gemüseanlage. Oben treffe ich Gärtner und Gärtnerin bei der Pflanzungsarbeit. Sie reguliert den Wasserzustrom, er setzt rote Rübe in die Anzuchtrinnen, die langsam voll Wassers werden. Ringsherum liegen Anzuchtbeete. Kohlarten, Petersilie, Tomaten, Eierfrüchte, Melonen. Eine quadratische Anlage: Wirtschaftsgebäude, zementierte Stallung, Wohnhaus für die Kinder samt der Siedlungsbibliothek und auf der vierten Seite das Zeltlager. Überall peinliche Sauberkeit. Draußen liegen riesige Getreidehaufen, auf welchen ein Dutzend Arbeiter herumkrabbeln. Es wird mit der Maschine gedroschen. Rings um die Haufen schwärmt Geflügel und nimmt seinen Teil von den fetten Körnern. Auf dem Rückweg komme ich erst an Feldern vorüber, die mit Kunstdünger bestreut werden, dann öffnet sich links das Tal und der Blick trifft das transjordanische Bergland, das den Emek in ganzer Breite abschließt. Hügel steigen wandartig, wellig, gestaffelt, terrassenartig zu hohen Bergen empor. Als ich in En Charod ankam, wurde das Signal gegeben, daß Essenszeit sei. Von allen Seiten kamen die Arbeiter und Arbeiterinnen aus den Feldern und Werkstätten. Die Sonne ging unter und nach einem Minutenintervall der Dämmerung stieg hinter den transjordanischen Bergen der Mond empor, eine rotgelbe Riesenscheibe. Im Speisesaal, als ich sie rings an den Tischen sah, fröhlich, in sauberen weißen Blusen, fiel mir die Mensa Judaica in Wien ein, wo ebensolche sitzen, traurig, stigmatisiert von der Armut und geistigen Unfreiheit. Ja, dies sind die gleichen Köpfe, der gleiche Tonfall im Sprechen und Lachen, die gleiche Geste— und doch, auch äußerlich wie verändert von der inneren Veränderung! Hat die gesprochene Sprache einer versunkenen Zeit dies bewirkt? Die Einordnung in den natürlichen Ablauf des Volksschicksals? Die neue Lebensform: die Freiheit, die sie hier tatsächlich besitzen, und in einem Maße wie nur wenige in der Welt? Die Arbeit, zu der sie auf den Wegen der Einsicht und der Liebe und des Idealismus gekommen sind, die sie tun, wie ich sonst nirgends und niemand arbeiten sah? Hat der lebendige Sozialismus diese Verwandlung bewirkt? Ja, Als jedermann bekam, soviel er brauchte — Raum zur Bewegung, Nahrung zur Erhaltung des Lebens, Anregung zur Erneuerung des Geistes — als jedermann bekommen hatte, was er in der Galuth hatte entbehren müssen, da richtete er sich auf und begann zu wachsen. Der Haushalt des