Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Bei den Kommunisten in En Charod
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 290 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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290 Albert Maurüber : Bei den Kommunisten in En Charod Seilschaft von sexuell leidenden Menschen fehlt. Und an seiner Stelle ist die ganz reine Atmosphäre der Arbeit da, der Verträglichkeit und der Sympathie. Die Beziehung zur Arbeit, welche ich früher als die entscheidende für das sexuelle Leben anzusehen geneigt war, ist es, wie mir hier klar wird, nur zum geringen Teil: ein normalisierender Faktor, der Komplikationen im Fall der Arbeitslosigkeit hervorruft. Im gewöhnlichen Leben kann durch die Arbeit wenig über die Sexualität geklärt werden. Die Hafenarbeiter in Haifa zum Beispiel, die viel schwerer arbeiten als die Leute von En Charod, sitzen doch stundenlang abends am Meere oder in der Allenbystreet und singen ihre schwermütigen, sehnsuchtsvollen, sehnsuchtstollen Lieder —< diese herrlichen hebräischen Rhythmen von der Seele Bewegtheit. Hier ist die Sexualität wie alles andere durchaus normal: es sind genug Frauen in der Kolonie. Ich habe mich erkundigt und zur Antwort bekommen, daß jeder Genosse und jede Genossin nach Erfüllung der Pflicht gegen alle für sich vollständige persönliche Freiheit haben. Das Zusammenleben zwischen Mann und Weib kann sich natürlich gestalten; der Mann wird nicht in die sozial ungerechte Stellung des Familienversorgers gedrängt, die Frau nicht in die ebenso ungerechte der Haushälterin. Wenn zwei einander lieb gewinnen, ziehen sie in ein gemeinsames Zelt. Nach außen hin, zur Gemeinschaft, ändert sich dadurch nichts. Es bleibt dem Paare freigestellt, ob es sich religiös oder zivilrechtlich trauen läßt. Nicht einmal der Handschlag vor Genossen, der gebräuchlich ist, wird gefordert. Die Tatsache, daß zwei ein Zelt gemeinsam bewohnen, ist zureichende Kundgebung, die heilig ist und von allen respektiert wird. Ermöglicht ist diese Liebes- und Lebensgemeinschaft durch das Prinzip der gemeinsamen Kindererziehung. Alle Kinder der Kolonie stehen unter der Obhut des Erziehers, dem jede Woche eine andere Mutter hilft. Um y2S Uhr erwachte ich, gerade als der Schomer durchs Lager ging und gegen die Leinwand der Zelte schlug: es sei Zeit, aufzustehen. Bald darnach wurde bei der Küche das Zeichen zum Frühstück gegeben. Zehn Minuten darauf war das Lager voll Bewegung und nach weiteren fünf Minuten fuhren die ersten Wagen hinaus, gingen die ersten Gruppen in die Felder, in die Werkstätten. Ich nahm Abschied von L. und Rahel, ging nochmals durch die Siedlung, zu den Werkstätten, zu den Stallungen, zu dem mauernden Mädchen, zum Bach. Von der Straße sah ich weit, weit ins Tal. Überall verteilten sich die Arbeiter und Arbeiterinnen auf den Feldern. Die Schleusen waren geöffnet, und durch die vielen schmalen Kanäle und Rinnen ergoß sich das Wasser — überallhin. Das Tal ist voll Arbeit und der Atem der Landschaft und der friedlichen Menschen berührt mich als jene Liebkosung, nach der wir uns Zeit unseres Lebens sehnen.