Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionistische Krise und Jüdischer Bund
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 277 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionistische Krise und Jüdischer Bund 277 Kultureinflüsse, Sitten, Sprache, sozial-wirtschaftliche Momente geteilt, des selbständigen national-staatlichen Lebens längst entwöhnt, der produktiven Arbeit seit mehreren Jahrhunderten fremd ist, in einem verwüsteten, armen Land zu sammeln, wobei auch außerordentliche politische Hindernisse zu beseitigen sind, damit dieses Volk dort sein nationales, auf produktiver Arbeit aufgebautes Leben führen und so eine schon fast in Vergessenheit geratene Tradition wieder aufnehmen kann, dieser Gedanke ist wirklich phantastisch. Deshalb ist auch die zionistische Bewegung eine der wahrhaft revolutionärsten Bewegungen, die je die Welt gesehen hat, denn keine soziale oder nationale Bewegung, so scheint mir, hat in solcher Weise einen Bruch mit der Vergangenheit, einen Neubeginn bedeutet. Ihr phantastisch-revolutionärer Inhalt kommt uns vielleicht nur deshalb nicht immer zum Bewußtsein, weil wir ihn mit altgewohnten Worten aus jüdischer, heiliger und profaner, Literatur verdecken. In schroffem Gegensatze zu diesem Charakter der Bewegung stehen die Methoden, mit denen man sie zu verwirklichen suchte. Keine Bewegung ist in größerem Maße revolutionär als die zionistische und keine hat ihre Verwirklichung mit praktischeren, mit nüchterneren Mitteln versucht. Auf politischem Gebiete: diplomatische Verhandlungen auf der Geldbasis, Kauf von Charter; auf wirtschaftlich-sozialem Gebiete: wiederum Einkauf vom Boden, Kolonistenansiedelung. In den Methoden ist nichts vom revolutionären Geiste des Gedankens zu spüren, kein Aufschwung, vor allem nicht die Forderung des Opfers. Erst jetzt, da die Willensparalyse des jüdischen Volkes ganz zutage getreten ist, da die größten Anstrengungen der Organisation nötig sind, um Geld, armseliges Geld zu sammeln, erst jetzt kann man die ganze lähmende Wirkung dieser Methoden ermessen, die die schwierigste und phantastischste Sache als natürlich, leicht ausführbar hinstellen wollten, die deshalb weder von den Juden im allgemeinen noch von den Anhängern des Gedankens insbesondere etwas Außerordentliches, etwas wirklich Schweres forderten, die richtig sagten: „Die Befreiung des jüdischen Volkes ist auf den Wegen der Revolution zu vollziehen und diese Revolution hängt ausschließlich von den Juden selbst ab" und falsch folgerten: „Deshalb müssen die Juden ihre Geldspenden — und sei „es auch Maasser — geben". Die gegenwärtige Aufgabe besteht darin, die Bewegung aus dem intellektualistischen Gebiete ins willensmäßige überzuführen: die große Willenserzeugung im jüdischen Volke hervorzurufen. Wenn dies nicht geschieht, haben auch die Anstrengungen der offiziellen Organisation, die Kolonisation auf eine breitere finanzielle Basis zu stellen, keinen Sinn und keinen Wert; ohne das jüdische Volk wird das Geld von den palästinensischen Sümpfen fruchtlos verschlungen werden. Dieser Wille ist nicht durch die bisherigen praktisch-nüchternen Methoden zu erzeugen. Man muß zur Erkenntnis kommen, daß die Zionisten vor einer ungeheuer schweren Auf gäbe stehen und daß von der Lösung dieser Aufgabe das Schicksal des jüdischen Volkes abhängt» Man muß zur Erkenntnis kommen, daß die Aufgabe nur durch höchste Kraftanstrengung, durch wirkliche Revolution, durch wirk-