Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionistische Krise und Jüdischer Bund
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 276 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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276 Moses Beilinson: bundistischen Jugend ein Feuer glänzte, das nur selten in zionistischen Versammlungslokalen zu verspüren war, und weiß, wie oft das Judentum der jüdisch- und der allgemeinen sozialistischen Bewegung gerade ihre besten, der Begeisterung fähigsten Söhne abgab. Nicht anders steht es heute, in gewissen Kreisen, mit der kommunistischen Bewegung. Auch der Vergleich mit nicht-jüdischen Befreiungsbewegungen, nationalen und sozialen, wird in dieser Hinsicht nicht zugunsten des Zionismus ausfallen. Teilweise wird dieser seltsam leidenschaftslose Charakter, und folglich die geringe Anziehungskraft der zionistischen Bewegung durch äußere Ursachen bedingt, an denen nichts zu ändern ist. Die Eigentümlichkeit unserer Revolution hat es mit sich gebracht, daß sie vor allem einen inneren Charakter trägt, den inneren Umschwung verlangt und vorläufig damit ihren? Abschluß findet. Ein Nationaljude, ein Zionist werden heißt noch nicht, oder schien es nicht zu heißen, die Äußerlichkeiten des Lebens zu ändern, mit der Umgebung zu brechen; es bedeutet zunächst vor allem eine andere geistige Einstellung der kulturellen, der ideellen Welt gegenüber, eine Art soziologische, wenn man will philosophische Doktrin, selten etwas mehr. Und da diese innere Revolution kein Feld der konkreten Betätigung findet, oder diese Betätigung in der Nationalfondsarbeit oder im Sportverein mit hebräischen Namen sich erschöpft, so ist es menschlich, daß die Bewegung mit der Zeit einen philiströsen Charakter bekommt und aus — so zu sagen Untätigkeitsatrophie — ihre das Leben bestimmende Wirkung verliert. Die andere Quelle ihrer Schwäche in dieser Hinsicht ist die Abwesenheit eines klarumrissenen unmittelbaren Gegners und Feindes und das Ausbleiben des unmittelbaren Kampfes mit seinen Siegen und Niederlagen, Helden und Märtyrern. Als der bundistische Junge in seine Werkstatt kam, sah er dort den „Bourgeois"; als der Pole in den Straßen von Warschau ging, sah er den russischen Schutzmann. Das war klar, eindeutig, aufreizend und deshalb geeignet, elementare Leidenschaften zu wecken, es hinderte den nationalen oder sozialen Gedanken, eine bloß theoretische Erkenntnis zu bleiben, führte ihn sofort aus dem intellektuellen Gebiete ins gefühlsmäßige und erzeugte einen starken Willensentschluß. Als dann dieser Junge oder dieser Pole gegen den Bourgeois oder den Schutzmann rebellierten, kamen sie ins Gefängnis; dort stärkte sich ihr Wille und dort wurden sie, andererseits, zu Sinnbildern der Befreiung für die draußen Gebliebenen. Der Zionismus hat in diesem Sinne keinen äußeren Feind; er hat keinen größeren Gegner — das hat die zionistische Theorie von Anfang an festgestellt und die zionistische Praxis immer mehr bestätigt — als die Passivität des jüdischen Volkes selbst; daher keine Möglichkeit des offenen oder heimlichen, aber jedenfalls konkreten Kampfes. Das sind äußere Umstände, die nicht zu ändern sind. Es gibt aber andere Ursache der emotionellen Schwäche der Bewegung, und diese sind in den Methoden der zionistischen Verwirklichung zu suchen. Die zionistische Bewegung ist eine der phantastischsten, die je die Welt gesehen hat. Der Gedanke, ein Volk, das seit fast zwei Jahrtausenden überallhin zerstreut, durch