Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionistische Krise und Jüdischer Bund
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 275 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionistische Krise und Jüdischer Bund 275 ich will, daß das jüdische Volk sich in geistiger, politischer, sozialer Freiheit entwickle." In diesem „will" ist das ganze Geheimnis der großen Bewegungen. Das erkannte in wunderbarer Weise Fichte, als er vor dem gleichen Problem wie wir heute, vor dem Erziehungsproblem seines Volkes stand: „Wie die bisherige (Erziehung) höchstens etwas am Menschen, so hätte diese (die neue Erziehung) den Menschen selbst zu bilden, und ihre Bildung keineswegs, wie bisher, zu einem Besitztume, sondern vielmehr zu einem persönlichen Bestandteile des Zöglings zu machen . . . Eine sichere und besonnene Kunst, einen festen und unfehlbaren guten Willen im Menschen zu bilden, soll also die von mir vorgeschlagene Erziehung sein, und dieses ist ihr erstes Merkmal." Das war die Aufgabe, die die zionistische Erziehung bis jetzt nicht imstande war zu erfüllen: den jüdischen Menschen zu bilden, einen starken, ausdauernden, opferbereiten Willen in ihm zu erzeugen und zu festigen. Es gibt keinen direkten Übergang zwischen der Kultur, der Bildung, der theoretischen Erkenntnis und dem Willensentschluß. Die Kultur ist zwar eine unbedingte Voraussetzung jeder Revolution, aber noch nicht die Revolution selbst, deren Motive nicht in intellektuellem Gebiete zu suchen sind. Irregeleitet durch den rationalistischen Glauben an die alles überwindende Kraft des Wissens, des Erkennens, sah der Zionismus keine andere Waffe der Rekrutierung als kulturelle Propaganda und sorgte nicht dafür, daß zwischen der Kultur und dem Willensentschluß die unbedingt notwendige Brücke entstehe. Deshalb war das Willenselement in der Bewegung immer in die zweite Linie gestellt und deshalb trägt auch die Bewegung in ihren großen Linien, einzelne Momente und Personen ausgenommen, einen trägen, „bürgerlichen", fast philiströsen und zugleich den allen rein kulturellen Bewegungen eigenen abstrakten und rationalistischen Charakter und steigt selten bis zur wirklichen Leidenschaft, bis zum tätigen Idealismus empor. Darin liegt auch die Ursache ihrer Schwäche. Wenn man die Bedeutung, die die zionistische Bewegung im jüdischen Leben hatte und hat, mit derjenigen vergleicht, die etwa dem Chassidismus, der Haskalah, dem Sozialismus (diesen in ihrem Wesen sehr verschiedenen und deshalb für den Vergleich geeigneten Bewegungen) zukommt, so ist man gezwungen anzuerkennen, daß die unmittelbare Wirkung des Zionismus im konkreten jüdischen Leben — der Gemeinde, der Familie, des Individuums — unvergleichlich kleiner war; in allen diesen jüdischen Städten und Städtchen, die durch genannte Bewegungen in Aufruhr gebracht wurden, wurde durch den Zionismus keine auch nur entfernt ähnliche Wirkung ausgelöst (wenn man einige Gegenden Süd- und Westrußlands in einigen besonders tragischen Momenten der letzten Jahre außer Betracht läßt). Den Chassidismus in seiner Blüte und die Haskalah kennen wir nur aus Büchern, die aber genügenden Aufschluß über ihre revolutionierende Wirkung geben. Der sozialistischen Bewegung aber'waren und sind wir Zeitgenossen. Wer sich der guten Zeiten des „Bundes" erinnert, der weiß, daß in den Augen der 18*