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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 274

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Zionistische Krise und Jüdischer Bund
Date
1924-01-01
Page
274 (sequence 9)
Language
German
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274 Moses Beilinson : Zuflucht zu nehmen. Das soll selbstverständlich nicht bedeuten, daß der jüdische Geist, wie er in großen jüdischen Schöpfungen zum Ausdruck gekommen ist, für uns keinen Wert mehr haben kann. Er ist im Gegenteil für uns von ungeheurer Bedeutung, aber eben als Geist, als bestimmte Seelen- und Intellektrichtung, nidht aber als Inhalt. Indem wir zu jüdischen Quellen durchdringen, erwerben wir jüdische, unsere eigene Augen, um die Welt zu schauen, die Kulturwelt aber, die wir anschauen, bekommen wir von auswärts und werden wir immer in überragendem Maße von auswärts bekommen, so lange wir im Galuth bleiben. Womit nicht gesagt wird, daß man in Palästina sofort eine kulturelle Blüte, die immer Sache der Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte ist, zu erwarten hat; dort kommen uns aber zwei Umstände zu Hilfe, die anfangs vielleicht kulturbeschränkend sein werden, desto mehr aber für die Zukunft versprechen: Orientnähe: und Einsamkeit. Wenn der Nationalisierung der Juden in der Diaspora (als Erziehungsmittel im zionistischen Sinne) schwer überwindbare Hindernisse im Wege stehen, so ist es mit der Ausbreitung der Überzeugung, daß ihre Lage dort unhaltbar sei, nicht viel besser bestellt. Als man zu den russischen Juden mit dem Hinweis auf die Rechtsbeschränkungen und Verfolgungen kam, antworteten sie mit verstärktem Kampfe gegen die Regierung, die die Beschränkungen und Verfolgungen verkörperte; diese Antwort war viel elementarer, zugänglicher und deshalb natürlicher als die zionistische. Die verzweifelte wirtschaftliche Lage führte auf praktischem Gebiete zur Auswanderung über das Meer, auf ideologischem Gebiete zur Einreihung in den Sozialismus, viel seltener in den Zionismus. Als man etwas später, vor allem unter dem Einfluß der deutschen Zionisten, die Verfolgungstheorie mit der Assimilationstheorie vertauscht hatte, ist die Sache nicht viel besser geworden. Man malte den Juden Bilder der Entartung und des drohenden Unterganges; andere sprachen über die geistigen Folgen der Assimilation, über die Halbheit des assimilierten Juden, über seine geistige Unfruchtbarkeit; mit dem letzten Argument verlegte man den Schwerpunkt der Assimilationstheorie aus dem allgemeinen sozial-nationalen Gebiete in die individuelle Sphäre, und damit war viel, aber bei weitem nicht alles gewonnen. Der Jude hörte zu und verstand sehr gut, daß das jüdische Volk im Galuth zugrunde geht und mit ihm auch der einzelne jüdische Mensch. Aus dieser bloßen Erkenntnis aber entstand noch nicht die letzte Entscheidung, das einzige, worauf es in großen Bewegungen ankommt. Darin eben bestand der Fehler der zionistischen Vorkriegerziehung: in dem Glauben, daß sie einzig und allein in Kulturarbeit, in der Vermittlung gewisser Kenntnisse, in logischen Folgerungen bestehe. Wenn der Jude aber auch zur klarsten Überzeugung darüber kam, daß das jüdische Volk in der Diaspora zum Tode verurteilt sei, wenn der Jude mit der jüdischen Geschichte und der hebräischen Sprache vertraut wurde, so war damit nur der Anfang der wirklichen zionistischen Erziehung getan. Denn wesentlich ist einzig und allein, daß der Jude wirklich sage: „Ich will nicht, daß die Juden zugrunde gehen;

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