Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionistische Krise und Jüdischer Bund
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 273 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionistische Krise und Jüdischer Bund 273 32,7): „Und Gott sagte dem Moses: gehe herunter, denn das Volk, das du aus Egypten herausführtest, ist verdorben worden." „Gehe herunter", so sagt der Midrasch dazu (Bereschith Rabah 32), „von deiner Höhe. Ich habe dir die Ehre nur für das Wohl meines Volkes gegeben. Nun, wenn das Volk verdorben ist, wozu brauche ich^dich?" Diese Worte sind wohl dahin zu verstehen, daß auch der für die Überlieferung größte Mann nur insofern und nur so lange in den Augen Gottes Wert hat, als er das jüdische Volk vertritt, und diesen Wert verliert, wenn das Volk und der Führer nicht mehr eins sind. Dieser Erkenntnis der zionistischen Minderheitsstellung aber kommt eine entscheidende Bedeutung zu bei allen Versuchen, die nationale Bewegung wieder zu beleben. Abgesehen davon, daß diese Einsicht geeignet ist, die Bewegung von dem schädlichen Ballaste der Rhetorik zu befreien, stellt sie uns das zionistische Werk innerhalb des jüdischen Volkes in ganz anderem Lichte dar. Kurz ausgedrückt: es handelt sich nicht mehr um bloße Organisierung, sondern um Erziehung des jüdischen Volkes. Solange wir den Glauben an den palästinensischen Gedanken voll aufrecht erhalten, können wir der logischen Folgerung nicht ausweichen: das jüdische Volk hat sich in national-menschlichem Sinne tief verirrt; es muß wiederum den Weg zu sich selbst finden. Das eben nennen wir seine Erziehung. Die Losung der Erziehung ist in den zionistischen Reihen nicht neu. Man verstand aber bisher darunter vor allem die Bemühung, den Juden die Überzeugung beizubringen, daß ihre nationale Lage im Exil unhaltbar sei und daß der Ausweg in der nationalen Kolonisation Palästinas bestehe. Dazu kam — bestenfalls — der Versuch, die Entfremdeten durch Studium der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Literatur wieder in den Bereich der nationalen Kultur einzubeziehen. Was dieses zweite Element der bisherigen nationalen Erziehung anbetrifft, so muß doch, bei aller Würdigung der Anstrengungen, die in dieser Richtung gemacht worden sind und gemacht werden, und bei aller Anerkennung der teilweise erzielten Erfolge, der Gedanke, die Juden in der Diaspora vollständig zu nationalisieren, als undurchführbar anerkannt werden. Man muß gestehen: der Gegner, mit welchem wir hier zu tun haben, ist auch in rein geistiger Hinsicht, also ganz abgesehen von den beständigen Wirkungen des alltäglichen Lebens und von allen Opportunitätsmomenten, viel stärker als wir. Die Kultur, die Europa den Juden zu bieten hat, ist unvergleichlich reicher und mannigfaltiger als diejenige, die das Judentum in seinem gegenwärtigen Zustande zu geben vermag. Die wirklich grandiosen Schöpfungen des jüdischen Volkes: Bibel, Thalmud, Kabbalah, — sie liegen in weiter Vergangenheit und können den heutigen Kulturinhalt nicht ersetzen; die gegenwärtige nationale jüdische Kultur ist, bei aller Wüdigung der Einzelpersönlichkeiten und Einzelschöpfungen, nur ein großes Versprechen, aber noch keine Realität. Nicht nur technisch, wenn wir einfach kennen lernen, studieren wollen, sondern auch substantiell, wenn wir zu modernen Kulturinhalten durchdringen wollen, sind wir gezwungen, zu fremden Gütern Heft 5/6. 18