Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 271

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Zionistische Krise und Jüdischer Bund
Date
1924-01-01
Page
271 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101207-3109302--6991-3109349
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zionistische Krise und Jüdischer Bund 271 erreicht ist, ist eine weitere Intensivierung der geistigen Tätigkeit im Zionismus entweder eine Befriedigung des individuellen Bedürfnisses, die an. sich respektabel sein mag, mit den Aufgaben einer Massenbewegung aber wenig zu tun hat, oder ein Selbstbetrug. Zwei Vorurteile waren in der zionistischen Bewegung vor dem Kriege verbreitet und leben in ihr noch heute fort: die Überzeugung, daß das jüdische Volk von aktivem, zionistischem Streben beseelt sei und daß die zionistische Arbeit in der Gewinnung möglichst vieler Parteimitglieder bestehe. Diese Vorurteile sind durch die allgemeine Atmosphäre des vorkriegerischen Europas zu erklären, eine Atmosphäre, die man, sehr ungefähr und vielen Mißverständnissen sich aussetzend, als „ideologisch-demokratisch" bezeichnen könnte. Es kann bitter sein, aber mit diesen Vorurteilen muß aufgeräumt werden, und das Leben hat das schon zum guten Teile besorgt. Die numerische Kraft der Organisation, ihre nahe an die Million reichende Mitgliederzahl, die Stimmenmehrheit, die der Zionismus oft bei politischen Wahlen in Osteuropa erhält, können ganz augenscheinlich die Bewegung aus ihrer heutigen Krise nicht herausführen. Andererseits zeigte das jüdische Volk sicher nicht denjenigen zionistischen Willen, den die Zionisten erwarteten. Das ist nicht nur an den nicht entsprechenden Geldbeiträgen zu ermessen, die weit unterhalb der jüdischen Leistungsfähigkeit, selbst in Ländern mit entwertetem Gelde, stehen, sondern auch an dem relativ spärlichen Menschenzufluß. Es wäre nichtig, die einzige Erklärung der katastrophal kleinen Einwanderungsziffer in Emigrationsbeschränkungen suchen zu wollen. Diese Beschränkungen bestehen seit weniger als drei Jahren. Sofort nach dem Waffenstillstand bestand aber schon eine gewisse Möglichkeit, ins Land zu kommen; einige haben diese Möglichkeit, viele Schwierigkeiten überwindend, ergriffen — diese Schar zählt aber nur nach Hunderten. Seit der Ankunft Herbert Samuels in Palästina bis zum Inkrafttreten der Beschränkungen ist fast ein Jahr vergangen, das aber auch nicht durch eine übermäßige Alijah gekennzeichnet war. Die Organisation „Hechaluz", die sich die Organisierung und die Vorbereitung der Arbeiter-Einwanderer zu ihrer speziellen Aufgabe gemacht hat, zählt im ganzen, wenn man von Rußland mit seinen unbestimmten Zahlen absieht, etwa 2000 Mitglieder — eine Zahl, die in gar keinem Verhältnisse zu den vielen Hunderttausenden der Schekelzahler steht. Laut gewissen Zeitungsnachrichten stockt augenblicklich die Einwanderung nicht so sehr wegen der Einschränkungen, sondern deshalb, weil die an die Palästina - Ämter gelangten Einreisezeugnisse nicht abgeholt werden und unausgenützt liegen bleiben; das kann gewiß mit den unsicheren ökonomischen Verhältnissen Palästinas erklärt werden, bedeutet aber, anders ausgedrückt, daß die Juden wegen der wirtschaftlichen Unsicherheit auf Mitarbeit am Aufbau ihrer nationalen Heimstätte verzichten. Wenn man diese Eindrücke summiert, wird man — auch ohne besonderen Pessimismus — den uns vielleicht noch bevorstehenden Enttäuschungen ins Auge zu sehen suchen. In den Jahren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.