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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 270

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Zionistische Krise und Jüdischer Bund
Date
1924-01-01
Page
270 (sequence 5)
Language
German
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270 Moses Beil ins on: lichung" — und diese besteht gerade in seiner hyperthrophischen Durchgeistigung. Es besteht die Gefahr, daß der zionistische Geist und das jüdische Leben sich voneinander trennen und eigene, weit voneinander entfernte, Wege gehen; daß, während der Geist in den höchsten Regionen des menschlichen Gedankens sich seiner abstrakten Existenz erfreut, das jüdische Leben sich in elementarsten Problemen und Erscheinungen unheilvoll verwirrt; daß aus den ,,Geistigen*i sich eine besondere Schicht, die später zur Sekte wird, entwickelt, eine Schicht, die vom Volke nicht verstanden wird und die das Volk nicht versteht; daß die geistige Tätigkeit zum Selbstzweck wird und sich in einen raffinierten Genuß verwandelt. Diese Gefahr besteht unzweifelhaft im Zionismus, und ihr muß begegnet werden; durch weitere Vertiefung und theoretische Spekulationen über das jüdische Problem tut man das nicht. (Übrigens läßt sich diese sogenannte Fundierung des geistigen Inhaltes des Zionismus künstlich, auf ein Kommando, gerade wenn sie nötig gefunden wird, nicht erzeugen.) Der Zionismus ist ja auch an Ideen gar nicht so arm! Er besitzt, um nur ein paar schlagwortartige Namen zu nennen, hinter denen eine reichhaltige und mannigfaltige Welt des Gedankens und Gefühls steht: Heß und Pinsker, Herzl und Nordau, Achad Haam, Buber und Gordon; man hat sich bemüht, die Bewegung menschlich erneuernd zu gestalten, die Juden an ihre orientalische Herkunft zu erinnern, den jüdischen Nationalismus einerseits in der jüdischen Tradition, andererseits in der allgemein menschlichen, freiheitlichen Bewegung unserer Zeit zu verankern, ihn in eine organische Synthese mit ethischsozialistischen Gedanken zu bringen. Vielleicht besteht dies alles bisher nur in den Anfängen und ist weiter zu entwickeln und zu vertiefen; wenn dies geschehen und gut geschehen sollte, so würde der Zionismus nur gewinnen. Aber schon heute ist er gar nicht so bettelarm, daß er keine ideologische Existenzberechtigung hätte. Eher ist das Gegenteil zu behaupten, daß nämlich der Zionismus an Ideen zu reich geworden ist. Es ist unzweifelhaft, daß in den letzten Jahrzehnten der Ideengehalt des Zionismus bedeutend größer geworden ist, speziell in den deutsch sprechenden Ländern. Diese Entwicklung hat dem Zionismus manche neue Kraft gewonnen, im allgemeinen kann man sich aber, gerade im heutigen Augenblicke, mit ihr kaum vollständig zufrieden geben. Hand in Hand mit der Bereicherung ging auch eine gewisse Instabilität einher, so daß man überraschende ideologische Übergänge, besonders in jugendlichen Kreisen, beobachten konnte. Andererseits hat man nicht den Eindruck, als ob diese Entwicklung wirklich durchgreifende Lebensveränderungen bei ihren Anhängern hervorgerufen habe. Es scheint, als ob durch die geistige Propaganda der letzten Jahre eine Art „geistig-zionistischer Seele", ein Ersatz der berühmten „Sabbatsseele", geschaffen wurde, die für feierliche Anlässe, aber nicht für alltägliches, konkretes Leben gut ist. Der Reichtum mancher unserer Geistesgrößen bleibt somit unausgenützt liegen. Um geistig lebendig zu sein, muß aber die Bewegung die Idee leben, nicht nur sie denken und fühlen. Solange dies nicht

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