Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionistische Krise und Jüdischer Bund
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 269 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionistische Krise und Jüdischer Bund 269 nisation beantwortet noch nicht ohne weiteres diese Frage im gewünschten Sinne — die Erfahrungen der Rothschildschen Kolonien bezeugen das. Wenn es auch gelingen wird, diese bessere Finanzierung zü sichern, wird sie nichts mehr als eine Atempause bedeuten. Auch die politischen Errungenschaften — Balfour-Deklaration und Mandat — bedeuteten eine solche Atempause. Die internationale Einrichtung des Orients ist für eine gewisse Zeit sozusagen stehen geblieben: damit gab man den Juden die Chance, Palästina in Besitz zu nehmen. Der Zionismus war nicht imstande, diese Ruhepause auszunutzen, und jetzt fühlt er, daß sie bei den heutigen Umständen nicht unendlich lange hingezogen werden kann. Die außerzionistische Finanzierung des Aufbaus hat im Sinne, diese Ruhepause zu verlängern. Damit sie aber voll ausgenutzt und damit Palästina so aufgebaut werde, daß der Zionismus seine nationalen, menschlichen und sozialen Ziele dort nicht verfehlt, dazu ist es absolut notwendig, daß die Bewegung aus der heutigen Krise erneuert und gestärkt auferstehe. Unter diesen Umständen liegt es nahe, und die Stimmen in diesem Sinne sind laut genug, wenn der ,,wirtschaftlichen" Lösung der Krise die Intensivierung des geistigen Lebens im Zionismus gegenübergestellt wird. Man geht in dieser Hinsicht sogar so weit, daß man die wirtschaftliche Lösung überhaupt verwirft. Man vergißt dabei, daß, damit das jüdische geistige Leben sich normal entwickle, die nationale Heimstätte in Palästina überhaupt existieren oder jedenfalls entstehen muß; dies ist ein Axiom für das zionistische Bewußtsein, an dem man nicht rühren darf, wenn man nicht in irgend eine Art von Galuth-Nationalismus verfallen will. Wäre deshalb die Frage wirklich so schroff gestellt, daß man nur die Wahl zwischen dem Aufbau Palästinas und der zeitweiligen Lähmung der geistigen Entwicklung des Zionismus hätte, so wäre der erste Weg zu wählen. Solche Alternative besteht aber in Wirklichkeit nicht; eher darf man das Gegenteil behaupten, daß nämlich die geistige Entwicklung zu verflachen droht, weil der Aufbau sich nicht vom Flecke rührt. Die Verwirklichung der Bewegung und ihr geistiger Inhalt stehen in gegenseitigem Zusammenhange und sind voneinander abhängig: der Inhalt wirkt als Triebfeder, kann sich aber nur im Prozesse der Verwirklichung weiter entwickeln, nur in ihm reichhaltiger, mannigfaltiger, lebendiger werden. Wenn so die geistige und wirtschaftliche Intensivierung der Bewegung niemals antithetisch aufgefaßt werden darf, und in der gegenwärtigen Stunde, wo eine solche Gegenüberstellung von völligem Unverständnis der politisch-geschichtlichen Konjunktur und einer Unkenntnis der palästinensischen Wirklichkeit zeugte, weniger als je, so heißt das, wie oben schon angedeutet, noch nicht, daß die „Verwirtschaftlichung" der Bewegung keine Gefahren in sich berge und eine wirkliche Lösung der Krise darstelle. Wir haben sie oben nur als Ruhepause charakterisiert; sie bedarf einer Ergänzung. Kann wenigstens diese Ergänzung in der rein geistigen Arbeit des Zionismus gesucht und gefunden werden? Nun, es besteht für den Zionismus noch eine andere Gefahr außer der „Verwirtschaft-