Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionistische Krise und Jüdischer Bund
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 268 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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268 Moses Beilin son: strakten Logik, vollkommen richtig zu sein. Die Zionisten haben nicht die Möglichkeit, wie es andere Erneuerer und Revolutionäre in schweren Momenten ihres Kampfes getan haben, abseits zu gehen, sich zu konzentrieren, Kräfte zum neuen Ansturm zu sammeln, um heute nur stolz zu sagen: „Wir können warten". Das gerade können die Zionisten. nicht; die Eigenartigkeit der zionistischen Revolution, die in der Besiedelung heute noch unbesiedelten Landes besteht, bringt es mit sich, daß die Zeit nicht für sie, sondern gegen sie arbeitet. Die Zionisten können deshalb nicht warten, bis ihr Gedanke ,,im Volke sich verbreitet und dort reift". Wenn der Aufbau auch weiter in dem bisherigen Tempo vor sich geht, kann die Möglichkeit, überhaupt jemals Palästina zu kolonisieren, tatsächlich verloren gehen. Vor diese Möglichkeit gestellt, hat der Zionismus keine Wahl. Deshalb fühlen wir die Pflicht, die Verwirklichung der von dieser Strömung vorgeschlagenen Maßnahmen, die in der sogenannten „Heranziehung neuer Kräfte aus der nichtzionistischen Judenheit" gipfelt, in keiner Weise zu hindern, sondern sie in jeder Weise zu erleichtern. Nichts würde aber für die Bewegung bedenklicher sein, als wenn man nicht den Mut hätte, sich selbst einzugestehen, daß es sich um einen Rückzug des Zionismus handelt, um eine seiner Niederlagen, die solches Kompromiß notwendig macht. Und eine Niederlage ist es nicht deshalb, weil die Eigenliebe der Zionisten verletzt wird, weil die Führer der Organisation gezwungen sind, in der ganzen jüdischen Welt geldsammelnd herumzureisen, weil man sich an Organisationen und Leute wendet, mit denen man gestern noch in offener Fehde stand, sondern deshalb, weil die Verwirklichung unseres Traumes, Palästina mit dem reinsten Willen des arbeitenden Volkes, und allein mit ihm, aufzubauen, und es als ein ganz eigenartiges Gebilde, in dem die nationale Freiheit mit sozialer Gerechtigkeit gepaart ei, erstehen zu lassen, weil alles dies durch das notwendige Kompromiß gedroht wird. Palästina kann nun ein ,,Land wie alle Länder" werden, ftmen gleich in Geldwirtschaft und Arbeitsausnutzung. Wenn das als äußerste Gefahr hervorgehoben wird, so geschieht es nicht nur aus der Anerkennung des Gemeinschaftsgedankens heraus, der einer der reinsten Triebfedern der modernen palästinensischen Bewegung ist, sondern auch aus nationalen Gründen. Es ist für die Bewegung — von welchem Standpunkte aus man sie auch nimmt: vom menschlichen, vom nationalen, vom sozialen — außerordentlich wichtig, ob das jüdische Volk in Palästina, sei es auch mit Hilfe des Kapitals, auf gesunde Wege der produktiven Arbeit sich stellen wird, ob die jüdische Siedelung ihr nationales Gepräge erhalten und kräftigen wird, ob die geistige Energie und Regsamkeit der Siedler diejenige Höhe erreichen wird, die Palästina zu einem Zentrum der jüdischen Renaissance gestalten kann, ob die Frage der jüdisch-arabischen Beziehungen im Sinne der nationalen und sozialen Gerechtigkeit gelöst wird, kurz: ob die jüdische Siedelung in Palästina ein neues Ghetto sein wird oder nicht. Damit hängt auch das Schicksal der ganzen jüdischen Renaissance-Bewegung zusammen. Die bessere Finanzierung der Kolo-