Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Zionistische Krise und Jüdischer Bund
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 267 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zionistische Krise und Jüdischer Bund 267 sal anderer geistig-sozialer Bewegungen, die vor dem Kriege entstanden sind, ihren Anhängern viele Versprechungen gemacht hatten, und nun, nach dem Kriege, da man in ihnen die Rettung suchte, weil man den Glauben an sie mit in die Katastrophe nahm, ihre Unzulänglichkeit bewiesen haben, so daß sie heute vor der Wahl stehen: entweder die vorkriegerische Denkweise beizubehalten und weiterhin in hoffnungsloser Krise sich aufzureiben oder im Bewußtsein der vorgegangenen Veränderungen und der schwerwiegenden Erfahrungen einen neuen Weg einzuschlagen. Woran liegt es, daß die Bewegung, die noch vor ein paar Jahren ihre Triumphe gefeiert und unerwartete Siege errungen hat, heute wie gelähmt vor uns liegt und, so scheint es wenigstens, nicht einmal für die Aufrechterhaltung der schon errungenen Positionen die nötige Kraft hat? Von den gangbaren Antworten müssen wir von vornherein solche außer Betracht lassen, die nicht mit der Bewegungen sich, sondern mit äußeren Gründen und Ursachen zu tun haben. Das jüdische Volk ist nicht in der Lage eines besiegten Heeres; keine feindliche Macht stand und steht ihm gegenüber; keine Regierung, weder die fremde noch die eigene hat, wie es so oft in der Geschichte der Revolutionen geschehen ist, die Leidenschaft des Freiheitskampfes der Juden mit harter Hand unterdrückt. (Übrigens, auch in den Fällen, wo solches geschieht, glauben wir immer weniger an die entscheidende Rolle der reaktionären Waffengewalt.) Bei der zionistischen Bewegung ist es augenscheinlich, daß sie an einer inneren Schwäche leidet. Das muß man gleich von vornherein voraussetzen, sonst wird man die Bedeutung weder der politischen Mißerfolge noch der wirtschaftlichen Krise erkennen können — beide könnten wohl früher oder später überwunden werden, wenn die innere Kraft der Bewegung nicht gebrochen wäre. Eine Bewegung, die vom starken und organisierten Willen eines Volkes von 15 Millionen Seelen getragen ist, deren Aspirationen schon allgemein als gerechtfertigt anerkannt wurden, kann weder von einem ,,schwachen Führer" irregeführt, noch durch ein „diplomatisches Spiel" zunichte gemacht werden. Übrigens erkennen auch diejenigen, die in diesen äußeren Momenten die Hauptursache der schweren Lage sehen, an, daß die Lage anders sein könnte, wenn die Zionistische Organisation anders gehandelt hätte, d. h. wenn die zionistische Bewegung anders geartet wäre. Somit kommen alle auf die Frage nach dem inneren Wesen der Bewegung zurück. Diejenige Strömung, die heute in der Organisation das Übergewicht zu haben scheint, behauptet ihrerseits, daß dem Zionismus in seinen politischen Bestrebungen die realen wirtschaftlichen Grundlagen in Palästina fehlen und daß die Organisation mit eigenen Kräften nicht imstande sei, diese Grundlagen zu schaffen. Daraus wird der Schluß gezogen: die palästinensische Kolonisation, die unbedingt in den Schwerpunkt der Bewegung zu setzen sei, ist mit anderen Methoden, die Finanzierung dieser Kolonisation ist mit anderen Mitteln und vielleicht auch mit anderen Leuten zu führen als bisher. Dieser Standpunkt scheint uns an sich, in seiner ab-