Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Versuch einer Neubegründung des Nationalismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 265 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101207-3109301--6983-3109343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Versuch einer Neubegründung des Nationalismus 265 Er kann nicht zu fremden Vätern eingetan werden. Selbst die Menschen der Bibel wurden zu göttlichen Wesen umgewandelt, damit sie ins fremde Bewußtsein eingehen, und der Gott der Bibel mußte vermenschlicht werden, um seine jüdische Herkunft zu entschuldigen. Die gewisse Fremdheit, von der hier gesprochen ist, ließe sich aber nicht dadurch überwinden, daß jeder sein eigenes Werdensbewußtsein unterdrückt. Dann würde ja jene Fremdheit auch auf Menschen übertragen werden, mit denen man in gleicher Werdensreihe steht. Sondern umgekehrt: die unersetzbare Liebeskraft, die dem besonderen Werdensbewußtsein entströmt, bricht sich auch neue Zugänge zu einem unendlich weiteren Kreis von Menschen, als die eigene Werdensreihe faßt. Denn jede Liebe versteht die Menschen in neuer Weise. Man sollte endlich damit aufhören, die Liebe zur Werdensgemeinschaft der Seinsliebe zur Menschheit unterzuordnen oder die Werdensliebe nur als ein Durchgangsstadium für die höhere Seinsliebe gerade noch zu billigen. Nun vermag freilich jederlei Liebe, auch die am geringsten Objekt entzündete^ vom ganzen Menschen Besitz zu ergreifen. Die religiöse Liebe einer menschenopfernden Sekte muß nicht weniger groß sein, als die buddhistische Sehnsucht nach dem Erlöschen. Das Bewußtsein ist kein Kugelgebilde mit starrem Mittelpunktswert; irgendein peripheres Gefühl, irgendein Winkelgedanke kann den Menschen rundum in Flammen setzen. Und so gibt es gewiß religiöse Fanatiker der Werdensliebe (das politische Schlagwort nennt sie Nationalisten), welche die volle Seinsliebe, die aufs Allmenschliche geht, in sich töten, und wiederum religiöse Fanatiker der Seinsliebe, welche die Liebe zu ihrem zeitlichen Werden grausam niederhalten. Denn es geschehen Grausamkeiten im Namen jeder religiösen Liebe. Aber hier scheint sich wieder die Erhabenheit des Judentums zu erweisen, das die beiden unendlichen Liebesströme, die Seinsliebe und die Werdensliebe, immer von neuem ineinander münden und dennoch niemals sich ganz verschlingen läßt, das sozusagen jenen Punkt entdeckt hat, in welchem das religiöse Gleichgewicht zwischen Mensch-Gewordensein und Mitmensch- Sein möglich wird. Denn dies ist die Summe des Judentums: Alles Werden stammt aus der Liebe eines einzigen zeitlosen Seins, anders gesagt: Es geht um etwas Einziges in dieser vielfältigen Welt. Und den Willensausdruck des religiösen Gleichgewichtes nennt das Judentum Gerechtigkeit. Solche Gerechtigkeit ist nicht ein obrigkeitlicher Selbstschutz der Gesellschaft, sondern der Erguß einer doppelten religiösen Liebe, in deren ewiger Gegenkontrolle das erfahren wird, was eine einzige Liebe versagen könnte: sich immer, wohin man sich wendet, im Unendlichen zu schauen. Und aufs Unendliche gerichtet sein, heißt gerecht sein. Darum war im Judentum ein neuer Gedanke von der Gleichheit aller Menschen möglich. Gleichheit nicht in dem uniformierenden Sinn gleicher Ansprüche an das Glück, sondern Gleichheit im Sinn gleicher Verbundenheit mit dem ewigen Sein, gleicher Kindschaft, gleicher Werdensheiligkeit. Wenn der Buddhist aus seinem religiösen Weltgefühl zum Gedanken der