Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Versuch einer Neubegründung des Nationalismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 264 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Friedrich Thieberger: Bewußtsein seiner wahren Zugehörigkeit erzogen würde, durchaus nicht Merkmale der ursprünglichen Gemeinschaft, der es physisch entstammt, zeigen müßte. Es gibt deshalb im geistigen Sinne auch keine Mischlinge. Denn ein Werdensbewußtsein läßt sich mit einem andern nicht mischen; irgendeinem einzigen Werdensbewußtsein weiß sich jeder zugehörig, von andern Werdensreihen hat er nur Mitteilung. Darum geht ein Volk solange nicht zugrunde, als es sein Werdensbewußtsein nicht verliert, selbst wenn der klarste Spiegel dieses Werdensbewußtseins, die Sprache, sich verdunkelt hat. Das Bewußtsein von der Kontinuität des Blutes steigert wohl die Kraft der Werdensliebe, aber, wie alles Physische, ist es nur helfender, nicht unmittelbarer Faktor. Und da das einheitliche Werdensbewußtsein sich nicht für immer gleich bleibt, weil es in eigener zeitlicher Variation wächst, so bleibt sich auch die Art seiner geistigen Äußerungen nicht für immer gleich. Aber generationsweise, Jahrhunderte-, jahrtausendelang mag irgend ein Gedanke anders als jeder andere dem Werdensbewußtsein Färbung und Intensität geben. Um dieses Gedankens willen ist es wert zu leben. So ist die Verbundenheit des Menschen zu den Menschen gleichen Werdensbewußtseins von einer andern Liebesqualität als die Verbundenheit mit Menschen aus anderen Werdensreihen. Denn was zu allen Menschen Brücken schlagen kann, ist ein dreifaches: Liebe für die Hilfe in körperlicher Not, Liebe für Ideen, Liebe für den Trost, daß wir alle ein gemeinsames Schicksal haben. Aber all dies sind Liebesformen des Seins, Arten eines fallweisen Liebens, auch wenn alle Menschen in diese Liebe einbezogen würden. Selbst die Geschlechterliebe, die das ganze Werden eines fremden Menschen in einen einzigen Augenblick des Seins zusammendrängt und zu ihm das rasend gesteigerte: Ja! sagt, ist eben eine Seinsliebe von höchster Nur-Aktualität, losgelöst von jeder Dauer, nur durch Erneuerung beständig. Die Liebe zu Menschen eines gleichen Werdensbewußtseins mag auch unter dem Zeichen der Seinsliebe stehen, aber sie ist immer um die Funktion der Werdensliebe anders. Man braucht nur an Menschen irgendeiner vergangenen Generation zu denken, die nicht mehr durch die Wirklichkeit geistiger Schöpfungen lebendig sind, um die Nuance einer geradezu väterlichen Verbundenheit mit den fernsten Toten des eigenen Volkes zu spüren. Vielleicht gibt es darum heute in Europa keine tragischere Gestalt als den Juden, der in einem fremden Volke wirkt. Nicht immer an seinem Leben, aber deutlich an seinem' Tode erweist sich die Fremdheit. Denn mag auch irgendeine seiner Ideen oder Leistungen als Nachhall seiner Rastlosigkeit über den Tod hinaus aktuell sein, so kann dem fremden Juden doch nur eine Seinsliebe, nicht eine Werdensliebe entgegengebracht werden. Der Fremde fühlt einen andern Zeitrhythmus in sich als der Jude mit seinem besonderen Werdensbewußtsein; man ist der Arbeit des Juden im edelsten Fall dankbar zugetan, doch nicht aus dunklem Instinkt mit ihm, dem Menschen, verwandt; man kennt seine Äußerungen und nicht seine geheimste Verschwiegenheit, seine zufällige Erscheinung und nicht seine wahre Existenz.