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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 266

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Versuch einer Neubegründung des Nationalismus
Date
1924-01-01
Page
266 (sequence 10)
Language
German
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266 Moses Beilinson: Menschengleichheit aufstieg, so geschah es, weil Tiere, Pflanzen, Dinge ihm nicht minder gleich galten. Nicht um ihres Menschentums willen waren ihm die Menschen teuerer. Aus einer weisen Selbstsucht wollte er sich an sie weder mit seiner Liebe noch mit seinem Hasse verlieren, denn sein Ziel war, der Kette des Werdens zu entgehen. Dem Parsen wiederum galten nur die Menschen gleich, die für das Prinzip des Guten eiferten; aber es gab, wie später im Christentum, eine ewige Gegenmacht gegen das Gute; wer ihr verfiel, war zur Ungleichheit verdammt. Auch die Griechen, etwa die vom geläuterten Schlag Piatons, kannten eine Menschengleichheit, freilich nur eine aristokratische, innerhalb der nach Weisheit Strebenden, weil nicht die Kraft des Menschseins, sondern das Wissen die Menschen gleich mache. Aber der jüdische Gedanke der Menschengleichheit wird erst durch die Verknüpfung des mannigfachen Werdens mit dem ewigen Sein, also im Gleichgewicht der religiösen Doppelliebe, entdeckt. Jeder Mensch trägt eine Sendkraft des Unendlichen in sich: das Heilige. Um des Heiligen willen sind die Menschen gleich. Wenn dieser größere Gleichheitsgedanke die Werdensliebe ersetzen wollte, so würde er die eine Quelle, die ihn speist, verschütten. Er bliebe ein Gedanke ohne schöpferischen Impuls, ohne die Kraft zu einem in die Zeit wirkenden AHmenschentum. Aber auch die Werdensliebe müßte zu einem bloßen Gedanken verblassen, wenn sie der wirklichen Form, in der sie durch das Bett unseres Bewußtseins strömt, entäußert würde. D e r N a t i o na 1 i s m u s als reli gi öses Phänomen, als Liebeshalt der Menschen i m U n e nd 1 i c h e n der Zeit, ist die wirkliche Form des Werdensbewußtseins. Er ist in ewiger Not entdeckt und nur, in ewiger Entdeckung erlösend. MOSES BEILINSON / ZIONISTISCHE KRISE UND JÜDISCHER BUND Die zionistische Krise greift immer tiefer. Vor zwei oder drei Jahren hat man allgemein gemeint, sie liefe mit der allgemeinen europäischen Krise zusammen. Heute scheint man eher das Gegenteil beobachten zu können: die europäische Krise begünstigte, indem sie psychologisch und sozial zerstörend und aufrüttelnd wirkte, das Wachstum und die Kräftigung der zionistischen Bewegung; seit einiger Zeit aber, da das Leben in vielen europäischen Ländern in normale Bahnen zurückzukehren beginnt, verschärft sich mit zunehmender ökonomischer und geistiger Stabilisierung der Verhältnisse bei den Wirtsvölkern, die man, wenn man will, Reaktion nennen kann, die zionistische Krise. Damit teilt die Bewegung das Schick-

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