Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Versuch einer Neubegründung des Nationalismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 263 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Versuch einer Neubegründung des Nationalismus 263 Es erhebt sich nun die Frage, ob es Kriterien dafür gibt, wann Menschen ganz verschiedener Gegend und verschiedener politischer Geschichte ein gemeinsames Werdensbewußtsein haben. Naturgeschichtliche Messungen sind hier freilich unmöglich. Und doch ist die Sicherheit des einordnenden Gefühls an einem einfachsten Beispiel ins Erleben zurückzurufen. Der Europäer, der mit Hingabe etwa indische Geschichte, Sprache, Sitte ein Leben lang durchforscht und sich innerlich zu eigen macht, kann das kleine Wörtchen nicht sagen, das ein ganz unwissender, seinem Kreis entfremdeter Inder aus seinem Werdensbewußtsein heraus sagt: „Wir" Inder* Die ganze Unmittelbarkeit der Beziehung, ihre ganze Liebeskraft, die selbst das Renegatentum peinlich beweist, liegt in diesem „Wir". Haben nicht sogar die Juden, jahrtausendelang über alle Länder aufgeteilt, ihr einheitliches und einziges „Wir", das jeden Einzelnen in eine deutliche Werdenslinie stellt? Und jeder ist Jude, der zum Erbgut des jüdischen Werdensbewußtseins (im Guten und im Bösen) „Wir" und „Mein" sagen kann. Wenn der Jude in einem fremden Land einem fremden Juden begegnet, wird dieses Werdensbewußtsein wunderbar bewegt. Plötzlich wird ein gleicher Rhythmus innerer Weilengänge erkannt, und wie jede plötzliche Erkenntnis löst sie sich in einem leichten Freudegefühl auf: Du kommst aus dem gleichen Werden wie ich; vertraute Helfer sind wir einander; beide preisgegeben dem Unendlichen der Zeit, hält uns die gleiche Liebe. Überall gibt es Ansätze neuer Wirgemeinschaften, Möglichkeiten neuen Werdensbewußtseins: Vereine,« Gemeinden, Staaten, Parteien, Bekenntnisse. Aber solange sie nicht die Kraft haben, das ältere und also stärkere Werdensbewußtsein der Einzelnen, die ihnen zugehören, ganz und bruchlos in sich aufzunehmen, und zwar so, daß für alle dem gleichen Werdensbewußtsein Zugehörige die neue Gemeinschaft eine Weiterführung, nicht eine Aufhebung der früheren bedeutet, bleiben sie nur Ansätze und Möglichkeiten. Niemand aber kann seine Werdensreihe abbrechen und in eine andere übertreten, denn das Bewußtsein läßt sich nicht auswechseln. Das also, was gewöhnlich als Rasse, Volk, Nation — jedesmal mit Betonung 'eines anderen Merkmals — bezeichnet wird, ist nur die physische Folge eines ursprünglichem gemeinsamen Werdensbewußtseins, Es wird darum immer unzulänglich bleiben, aus physischen Anzeichen oder nur aus physischen Voraussetzungen Geburt und Art des gemeinsamen Volksgeistes zu bestimmen. Gemeinschaft des Blutes ist für die Art der geistigen Entfaltung höchstens von sekundärer Bedeutung. Der Gedanke von der Notwendigkeit der Werdensgemeinschaft steht und fällt nicht mit dem Nachweis, ob jedes Volk aus seiner physischen Natur spezifische Geistesprodukte oder Lebensformen so schaffen muß, wie der Kirschbaum nur Kirschen und der Pflaumenbaum nur Pflaumen hervorbringen kann. Die Möglichkeiten des geistigen Lebens sind für den Menschen größer als seine physischen Bedingungen. Darum ist es auch kein Beweis gegen die geistige Existenz eines Volktums, daß ein Wesen, das in fremder Werdensgemeinschaft ohne das geringste