Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Versuch einer Neubegründung des Nationalismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 262 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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262 Friedrich Thieberger Die Wirkung der räumlichen Unendlichkeit ist ursprünglicher, sinnlicher; die Wirkung der zeitlichen Unendlichkeit zögernder, geistiger. Da aber die Gegenwart, in der wir das räumliche Sein erfahren auch als unendliche Schnittfläche in dem Werdensstrom einbezogen ist, wird die Liebe zum Werden sozusagen zweidimensional. In der Werdensliebe hat jede Freude an geschichtlichen Formen ihren letzten religiösen Grund. Darum ist auch die Liebe der Mutter so stark, weil sie nicht bloß die Existenz des Kindes, sondern sein ganzes Werden gleichsam auf ihre Arme nehmen kann und weil sie sich selbst als schicksalhafte Ursache eines Werdens erkennt. Ja, selbst darin, daß wir auf Reisen aus historischen Angaben innigere Verbundenheit mit Bauten, Plätzen, Kunstwerken gewinnen wollen, schimmert der Glaube durch, daß das Bewußtsein vom Werden eine besondere Art von* Liebe schafft. Erstaus der Not des r el i gi ö s e n W e r d e n s b e w u ß t s e i n s ist auch die Notwendigkeit des Nationalen, als eines geschichtlichenGruppengefühls, erfaßbar. Wer sich einmal in der Unendlichkeit der Zeit schaut, dem erwächst in seinem Innersten keine andere rettende Kraft als die Liebe zum Werden. Sie ist sein selbsterschaffener Halt, ohne den er nicht übers Abgrundlose schreiten könnte. Und so wie die Seinsliebe als die menschliche Reaktion gegen die Unendlichkeit des Raumes durch die Resonanz Gleichgerichteter erhöht wird, so wird auch die Werdensliebe als die menschliche Reaktion gegen die Unendlichkeit der Zeit durch die Mitliebe derer erhöht, die gleichem Werden eingeschichtet sind. Ja, in der Seinsliebe kann man ein Einsamer bleiben, aber in der Werdensliebe ist man an das Werden vergangener Wesen gebunden, so wie man zukünftige an sich bindet. Und so wie die Seinsliebe immer wieder in Formen, Bildern, Wortbegrenzungen sich ergießt, weil unser Liebesdrang unendlich, aber unsere Liebesobjekte immer umschlossen und sichtbar bleiben müssen, so gewinnt auch die Werdensliebe Form, Umgrenzung, Bestimmtheit. In Wahrheit steht jeder einzelne in seinem besonderen Werden, und in dieser einen Menschenwelt sind Tausende von Menschenwelten. Aber wir wären in unserem Zeitbewußtsein gräßlich einsam, wenn es keine Gemeinsamkeit in den Formen dieses Bewußtseins gäbe. Wir alle, die gemeinsam leben, schließen uns gegen die Unendlichkeit des Werdens zu einem großen Händereichen zusammen; wir wagen es, in solcher Gemeinschaft in die Zeit zu leben. Aber gerade der Drang, die Werdensgemeinschaft verdeutlicht zu erleben, und nicht zuletzt die räumliche Unfaßbarkeit der Erde, schaffen notwendigerweise die vielen Gruppen der Werdensgemeinschaften. Ihrer Unterschiede sind sich nur diejenigen bewußt, die mit ihrem Werdensbewußtsein einer anderen Werden%reihe begegnen. Wenn heute durch irgend ein Ereignis das bisherige Werdensbewußtsein aller Menschen aufhörte, so müßten aus der elementaren Not des menschlichen Bewußtseins neue Gemeinschaften sich bilden: der Liebesentgang von Jahrtausenden müßte jahrtausendelang neu erschaffen werden.