Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Versuch einer Neubegründung des Nationalismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 261 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Versuch einer Neubegründung des Nationalismus 261 Aber wenn sich auch zeitweise der religiöse Typus dem ethischen zu nähern scheint, so sollte es uns immer gegenwärtig bleiben, daß alle ethischen Funde, vor allem die ethischen Begriffe, nicht etwas Primäres, sondern dem urreligiösen Gefühl gegenüber etwas Sekundäres sind und daß auch die Liebe, die sich an diese Funde und Begriffe knüpft, eine abgeleitete Liebe, gleichsam eine Liebe auf Umwegen ist — solange sie sich ihres religiösen Ursprungs nicht bewußt wird. Denn es gehört zur Eigentümlichkeit unserer Bewußtseinsobjekte, daß sie sich mit Kraft und Leben erst füllenr sobald wir sie in irgendeiner Weise an unser ursprüngliches Welterlebnis anschließen. Bewußtseinshüllen, die generationenlang in uns schlaff lagen, werden plötzlich reich und triebstark. Wir sagen, sie haben einen Sinn für uns bekommen. t Und der Sinn bezieht sich immer nur auf den Sinn des ganzen Welterlebens. Es kann nun nicht bezweifelt werden, daß nur die aus der unendlichen, religiösen Urquelle hervorbrechenden Impulse auf ein unendliches Ziel gerichtet sein müssen. Wollen wir also die Qualität der Liebesimpulse prüfen, welche das allgemein-menschliche Gefühl und das nationale Gefühl mittelbar oder unmittelbar erwecken und bewegen, so ergibt sich als wesentliches Kriterium nunmehr die Entscheidung darüber, ob die Unendlichkeitsrichtung des Liebesimpulses in beiden Fällen die gleiche ist oder nicht. Nun erleben wir die Unendlichkeit in doppelter Form, als Unendlichkeit des Raumes und als Unendlichkeit der Zeit. Dieser Doppelfurchtbarkeit, die auf uns einstürmt, müssen wir, um bestehen zu bleiben, eine religiöse Doppelliebe entgegensetzen: die Liebe zum räumlichen Sein und die Liebe zum zeitlichen Werden. Es ist freilich darauf hinzuweisen, daß hier in das räumliche Sein nicht nur die Wirklichkeit der Dinge, sondern auch die Wirklichkeit der vorgestellten Begriffe einbezogen ist. Denn mag auch ein Begriff in der räumlichen Wirklichkeit der Dinge noch nicht seine Entsprechung, seine Erfüllung finden, so wird diese Erfüllung gleichsam im Geiste vorweggenommen und gerade um ihretwegen der Begriff geliebt. Darum ist die allmenschliche Liebe, einerlei ob ich sie als das Gefühl der Verbundenheit mit allen mich wirklich umgebenden Menschen auffasse oder als Liebe zu dem Gedankenbild, das ich mir vom Allgemein-Menschlichen mache, eine Seinsliebe. Wenn also auch der Inhalt des allmenschlichen Gedankens eine Menschenentwicklung fordert, die jegliche politischen oder bekenntnismäßigen Vorrechte abstreift, so ist doch klar, daß hier, wo ein bestimmtes Ziel und eine bestimmte Aufgabe erkannt wird, die Zeit bis zur Verwirklichung der Idee nur eine untergeordnete Wartezeit bedeutet, die mit dem Zeitstrom des wahren Werdens nicht vergleichbar ist. Denn dieses ist niemals ein Mittel, um menschliche Begriffe höherzuentwickeln; das wahre Werden in der Zeit ist von der Absicht des Menschen unabhängig, ist souverän. Es heißt darum anders und anderes lieben, ob man, der Unendlichkeit der Zeit oder der Unendlichkeit des Raumes widerstehend, mit Inbrunst sich an sie verliert.