Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Versuch einer Neubegründung des Nationalismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 260 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2Ö0 Friedrich Thieberger : dringend an das zentrale Geheimnis des sittlichen Lebens kam: Warum die Handlungen so einrichten, daß ihr Prinzip allgemeine Geltung haben könne, warum das Gute sollen?, da glaubte er, diese letzte Burg erobert zu habere, weil er sie mit dem neuen Dogma des kategorischen Imperativs beschwor. In Wahrheit hatte er selbst demütig kapituliert und merkte gar nicht, wie restlos sich seine Ethik dem Religiösen auf tat, so daß er die Religion geradezu in seine Ethik rückaufgelöst zu haben vermeinte. Aber der Wille zum Guten kann nicht der Idee des Guten selbst entspringen. Ja, es wäre eine Anmaßung des Verstandes, der doch immer nur kleine Zusammenhänge und Bezirke überprüft, das Gute als etwas in sich selbst Beruhendes, Absolutes zu erklären. Das Gute wird als Gutes nur aus engen Urteilen erkannt, aber getan wird es aus einer Liebe, der es um etwas Größeres und Weiteres, ums Letzte geht. Das Letzte im Menschen ist sein unaufhörlich quellendes Urerlebnis, daß er auf den furchtbaren Ansturm der unendlichen Welt nur mit der Gegenkraft einer unendlichen Liebe zu dieser furchtbaren Welt antworten kann. Dieses Gefühlsgemenge kosmischer Furcht und Liebe ist in Wahrheit die absolute und zentrale, die religiöse Lebensregung des Menschen. Sie ist der Urgrund jeder Liebe zum Guten und jeder Menschenliebe. Hier ist freilich zu bemerken, daß die Liebe zum Guten und zu den Menschen viele darum leidenschaftlich erfüllt, weil sie den Sinn des Guten und den Wert des Lebens nicht religiös zu erfassen meinen. Und es scheint fast, daß man gerechtermaßen zwei Typen von Menschen sondern müßte: den religiösen, der sich Wert und Sinn des Lebens aus immer neuen Zweifeln und Verzweiflungen erkämpfen muß, weil er sich der Verstricktheit im unendlichen Dasein nicht entzieht, weil er sich immer wieder in den erschütternden Anfang, in das erste Gegenüber von Mensch und Welt zurückgeworfen weiß, und weil für ihn dasjenige das Gute ist, was er aus kosmischer Liebe tut; und den ethischen, der jenes: das Gute-Tun als ein Prinzip der Freude- und Glücksmehrung in dieser Welt erkannt hat und der zu seinem Weltgefühl erst von der Tatsache des Guten, seines Guten aus gelangt. Allein auch der fein ethische Typus hat seinen religiösen Unterbau. Denn es ist das Ursprünglichste jedes Menschen, sich mit dem Unendlichen zu konfrontieren. Nur wird die Überfülle des Geschehens, das Detail des Lebens zur willkommenen Kulisse vor dem erschütternden Hintergrund des Unendlichen. Der Religiöse (nicht der formal Religiöse, denn auch Formen können Kulissen werden) steht immer wieder in der Tragik des Menschseins, die er immer wieder überwinden muß. Darum ist er revolutionär und schöpferisch. Der Ethische ist der weitaus gesichertere, ihm ist Gut und Böse gegebene oder gewordene Norm, Norm einer Lebenshygiene. Der Religiöse entdeckt das Gute, ihm hellt es sich als Liebe stückhaft und blitzartig auf. Der Ethische ergreift von dieser Entdeckung Besitz, er baut aus, richtet ein. Der Religiöse ruft: Es geht um die Ewigkeit! Der Ethische: Es geht ums Jetzt!