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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 259

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Versuch einer Neubegründung des Nationalismus
Date
1924-01-01
Page
259 (sequence 3)
Language
German
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Versuch einer Neubegründung des Nationalismus 259 tative Angelegenheit sieht und in einer großen ernährungstechnischen Gemeinschaft höflich und redlich ihr Leben ablebt. «. Es ließe sich aber hoffen, daß der blasse Begriff des Allgemein-Menschlichen, gestern und heute noch ein Rahmen, an einem späten Morgen mit wirklichem Leben sich auffüllen könnte. Ist denn nicht die Geschlechterliebe, die alles Gruppenhafte überwindet, eine Gewähr, daß die redliche Lauheit in der einheitlichen Menschengemeinschaft zu einer starken Liebe sich zu steigern vermag? Aber in Wahrheit ist es doch so, daß gerade die stärkste Liebe zwischen zwei Menschen in ihrer Art ausschließend und unduldsam ist, daß sozusagen die vielen kleinen Möglichkeiten von Lebensadhäsionen an die Welt sich auf einen einzigen Menschen verengen. Und doch ist es auch wieder so, daß aus dieser Verengung neue Möglichkeiten für alle übrige Welt aufsteigen. Wer mehr Menschen liebt, ist noch nicht der stärker Liebende. Schon diese Erwägung sollte uns davor bewahren, den Kreis des Allgemein-Menschlichen nur für eine zahlenmäßige Erweiterung der einzelnen nationalen Gruppen zu halten. Vielmehr ist allein dies zu prüfen: ob nicht die Liebe zum Allgemein-Menschlichen von der Liebe zum Nationalen der Art nach verschieden ist. Nun ist es freilich an den Produkten unseres Willens nicht einfach ablesbar, von welcher Qualität die Liebe ist, die unsern Willen bewegt. Alles, was Menschenwille leistet, das sichtbar Getane, sichtbar in die Realität der Welt Eingetane, ist Erguß in die gleiche Richtung des Raumes. Es ist von außen her nur quantitativ, als ein Mehr oder Minder deutlich, was eine Stiefmutter und was eine leibliche Mutter an der Erziehungsarbeit eines Kindes leistet. Ja, es ist möglich, daß die Blutsfremde weit mehr, das ist ein Mehreres, leistet. Und dennoch bleibt die Qualität des Liebesbewußtseins: „Dies ist mein Kind!" unnachschaffbar verschieden. Wer von außen die Erscheinungen registriert, die in die Wirklichkeit hineinragen, wird auch nicht die Verschiedenheit der Liebesgründe sehen, aus denen das Tun der beiden Mütter aufsteigt. Nur die eine Liebe — die der wahren Mutter — ist vorbildlich, schöpferisch, triebhaft erfinderisch; die andere aber, so edel und gesegnet sie bleibt, wenn sie die mütterliche ersetzen will, eine Kopie, ein Vergleich, eine Bemühung. Daß aber irgendeine sittliche Tat im letzten Grunde aus sittlichen Grundsätzen, aus einer unpersönlichen Ethik geschieht, das zu glauben, wäre götzenhafter Wissenschaftswahn. Die Formeln oder Normen der Ethik sind aus Begriffen geformte und in der Vorstellung aufgestellte Apparate, die erst einer Triebkraft bedürfen, um in Bewegung zu kommen. Und die Kraft, die ihnen durch unmittelbare oder mittelbare Transmissionen Schwung und Wirklichkeit gibt, ist jedesmal der Impuls einer irrationalen Liebe. Kant hat den größten rationalistischen Versuch gewagt, das ganze Gelände menschlichen Zusammenlebens für den einen Glauben zu erobern, daß das Gute um seiner selbst willen geschehe. Und als er immer weiter- 17*

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