Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 5-6
- Article
- Versuch einer Neubegründung des Nationalismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 258 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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258 Friedrich Thieberger : trachtet, kann ein sittliches Zögern zwischen Allgemein-Menschlichem und Nationalem gar nicht bestehen. Allein weil man sich den Inhalt des Allgemein-Menschlichen auf die Weise verdeutlicht, daß man das Unterscheidende des Einzelnen, das Rituale der Gemeinschaft, das Atmosphärische der Gruppen abstreift, bis die Vorstellung von einem zeitlosen, nirgends beheimateten Gedankenwesen zurückbleibt, so liegt die Versuchung nahe, auch die Erweckung des wahren allmenschlichen Gefühls erst nach Überwindung jedes Gruppenbewußtseins für möglich zu halten. In Wahrheit aber ist es doch so, daß jedes Gefühl der Verbundenheit einem eingeborenen Trieb, einer im Menschen begründeten Not entspringt und daß es das Gefühl einer gruppenhaften Sonderung nicht geben könnte, wenn nicht das Bewußtsein von einem größeren Zusammenhange zuvor bestände. Das N a t i o n a 1 g e f ü h 1 setzt das allgemeine Menschheitsgefühl, die Affinität des Menschen an den Menschen, voraus; es fügt nur zu dem allgemeinen Gefühl ein besonderes hinzu. Die letzte nationale Frage lautet nicht: Gibt es eine edlere Erweiterung des Nationalismus als das allgemeine Menschentum? sondern: Warum umfaßt das allgemeine Menschheitsgefühl nicht alle Gefühle von Mensch zu Mensch? Es ist nun freilich denkbar, daß gerade aus dem Gegensatz zum schwereren und dichteren Nationalismus der Begriff des Allgemein-Menschlichen an Weite und Reinheit gewinnt und daß der tiefer erkannte Begriff auch das allgemein menschliche Gefühl vertieft. Nur darf nicht etwas darum für allgemein-menschlich genommen werden, weil es außerhalb der eigenen Nation liegt. Insbesondere entgehen kleine Gruppen, die in große eingesprengt sind, schwer einer solchen allmenschlichen Schwärmerei, die im Grunde eine andersnationale ist. Für die Juden in Deutschland wird das Deutsche, für die Juden in England das Englische leicht zum Allgemein- Menschlichen. Wenn sie ihre Kinder in die „allgemeine" Schule schicken, meinen sie, ihnen allgemein-menschliche Erziehung zu geben, und sie erziehen sie in Wahrheit deutsch oder englisch, weil in der zeitlichen Wirklichkeit des Lebens kein luftleerer Raum mit geschichtslosen Allgemein- Menschen besteht. Das Allgemein-Menschliche ist immer dann ein Begriffsgebilde, wenn man es erst aus der Überwindung der Nationalgefühle, also aus Negationen, entstehen läßt. Darum beziehen sich auch alle Willensleistungen, die heute aufs Allgemein-Menschliche aus sind, wieder nur auf so allgemeine Angelegenheiten wie Achtung oder Rettung fremden Lebens und Besitzes. Es sind Willensleistungen eines Reisenden, der empfindsam die Welt durchzieht; sie sind nicht aus seelischem Beisammenwohnen erflossen. Unausdenkbar, wie seicht und lau das Leben wäre, wenn alle in solchem Allgemein-Menschlichen plätscherten. Das ergäbe nicht die vielgepriesene Kultursynthese, die das Besondere und Gruppenhafte voraussetzt, das ergäbe eine Menschheit, die in allem zeitlichen Geschehen nur eine vege-