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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 5-6 · p. 257

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 5-6
Article
Versuch einer Neubegründung des Nationalismus
Date
1924-01-01
Page
257 (sequence 1)
Language
German
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FRIEDRICH THIEBERGER / VERSUCH EINER NEUBEGRÜNDUNG DES NATIONALISMUS Aufgezeichnet nach Gesprächen mit meinen Freunden Max und Elsa Fischl Daß heute jeder Einzelne sich irgend einer Nation zugehörig fühlt, ist nicht Grund genug, das Nationale als eine letzte Notwendigkeit zu erklären und zu wollen. Denn selbst die physische Gemeinsamkeit einer Nation ist nur die Folge ihres Sonderungswillens. Die Natur läßt jede Mischung von Menschenindividuen zu. Kein fleischlicher, nur ein geistiger Trieb hat die Nation geschaffen. Und wenn wir auch an das Geschaffene unserer Willensvorfahren gebunden sind, so ist doch unserem Willen die Richtung anheimgestellt, Gewordenes zu überwinden oder fortzusetzen. Die Liebe zu einem bunteren Menschenatlas, zu einer größeren Polyphonie von Kulturleistungen hat keine national erhaltende Kraft; der ästhetische Wille kann Leben formen, nicht aber erschaffen. Erst als eine sittliche Macht wird der Nationalismus für den Willen sinnvoll. Felix Weltsch hat in einer Schrift diese sittliche Nuance aufgehellt: Nur aus dem Material unseres körperlichen und geistigen Erbes können wir unser höchstes Menschentum gestalten. Allein die Frage kommt nicht zur Ruhe, ob das Nationale ein Übergangswert ist oder eine letzte Regung menschlichen Seins; ob es aufgenötigt zeitlich oder notwendig ewig ist. Denn wäre es nur zeitlich, dann lebten wir in einer ständigen sittlichen Schuld, weil wir gegen unseren Glauben an die einheitliche Menschengemeinschaft doch immer unsere Sonderungen und Umgrenzungen behaupten. Soll das Allgemein-Menschliche der Horizont unseres sittlichen Lebens sein, dann muß jeder, der organisch Mensch ist, gleichwertig in unseren Kreis eintreten können. Aber rassenhafte Zugehörigkeit, geschichtlich empfundenes Gruppengefühl sind dem Willen, also der sittlichen Wahl entzogen. Wir müßten den Mut haben, alles niederzukämpfen, was die Verwirklichung der reinen Idee hemmt. Und jede Idee wird durch Vorrechte gehemmt, die nicht kraft des Willens erwerbbar sind. Wenn ich aus der Idee der Menschengleichheit — so lautet die sittliche Fassimg der allgemeinen Menschheitsidee — Gerechtigkeit üben will, dürfte ich den Radius meines Tuns nicht an der Grenze einer bestimmten Gruppe abbrechen. So be¬ Heft 5/e. 17

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