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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 567

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Die örtliche Verteilung der Juden und ihre Wanderungen in der Neuzeit
Date
1916-11-01
Page
567 (sequence 3)
Language
German
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Daten und Materialien 567 Grundsätzen brechen, auf denen ihre Verfassung und ihr bisheriger wirtschaftlicher Fortschritt beruhen, sind auch weiterhin kaum wesentliche Beschränkungen der Einwanderung zu befürchten. Unter diesen Umständen wird man auch in der Zukunft auf eine Einwanderung von osteuropäischen Juden nach Amerika rechnen können, und sie wird sich nach diesem Kriege, der den Juden in Rußland und Galizien so schreckliche Leiden gebracht hat, eher verstärken, als abflauen. Nimmt man an, daß in den nächsten 15 Jahren jährlich 125 000 Juden aus Osteuropa in die Vereinigten Staaten einwandern, so würden wir unter Berücksichtigung des natürlichen Zuwachses im Jahre 1930 bereits 5 Millionen Juden in den Vereinigten Staaten haben, d. h. das Doppelte der jetzigen Zahl und den dritten Teil der dann auf 15 Millionen angewachsenen Juden der Welt. Das eröffnet wichtige Perspektiven für die Zukunft der Juden überhaupt. Schon heute haben die Juden in den Vereinigten Staaten, die vor ca. 30 Jahren für die Gesamtjudenheit gar keine Bedeutung besaßen, infolge ihres riesigen Anwachsens und ihres politischen und wirtschaftlichen Einflusses eine große Wichtigkeit für die Gesamtjudenheit erlangt. Während bisher in der Judenheit Führende und Geführte durch politische Grenzen getrennt waren, indem die Judenheit ihr Schwergewicht in Osteuropa und ihre führenden Köpfe hauptsächlich in Deutschland hatte, hat in den Vereinigten Staaten — durch das Zusammentreffen einer großen jüdischen Masse mit einer modern gebildeten und einflußreichen jüdischen Oberschicht — die Judenheit weit mehr Stoßkraft und Wucht erlangt und macht ihren Einfluß mehr und mehr auch in allgemein jüdischen Fragen geltend. Mit der Zunahme ihrer Zahl und ihres Wohlstandes wird sich das natürlich noch verstärken, und man kann schon jetzt mit ziemlicher Sicherheit voraussagen, das die amerikanischen Juden bald die führende Rolle in der Judenheit übernehmen werden. Darüber, welchen Einfluß diese Verschiebung im einzelnen haben wird, läßt sich heute nur so viel sagen, daß sie in die Judenheit amerikanische Auffassungen von Menschen und Dingen hereintragen wird. Inwieweit dies die jüdische Religion und den jüdischen Idealismus verflachen, inwieweit dies die Selbstachtung des Einzelnen und den Respekt vor jeder ehrlichen Meinung erhöhen wird, das bleibt vorläufig im Dunklen. In gleicher Richtung, wie die Auswanderung nach Amerika und anderen überseeischen Ländern wirkt die Auswanderung der osteuropäischen Juden nach Mittel- und Westeuropa. Die Ziffern dieser Auswanderung sind weitaus kleiner als die Ziffern für die Auswanderung nach Amerika, immerhin sind doch etwa 350000 Juden in den letzten drei Jahrzehnten aus Osteuropa nach Mittel- und Westeuropa gelangt. Von dieser Einwanderung haben aufgenommen: Großbritannien Deutschland Belgien Schweiz Italien Skandin. Staaten etwa 175000 Juden 60000 „ 30000 ,, 10000 „ 5000 „ 5000 „ Schließlich haben auch die Binnenwanderungen d. h. Wanderungen innerhalb eines Staates, in der oben erwähnten Richtung eine Bedeutung, weil sie die Juden meist aus kleineren Orten und den wirtschaftlich weniger entwickelten Gebieten in die großen Städte mit ihrem stärkeren wirtschaftlichen und kulturellen Leben bringen und dadurch ebenfalls die Abkehr der Juden von ihren bisherigen Lebensverhältnissen beschleunigen. Die Juden waren infolge ihres Handelsberufes stets darauf angewiesen, ihren Wohnsitz in den Knotenpunkten des Warenverkehrs, d. h. in den Städten zu nehmen, doch verschmähten sie dabei auch die kleinsten Orte nicht. Seitdem in der neueren Zeit, besonders in Deutschland, durch die genossenschaftliche Organisation der Landwirte und durch die Konzentration des Import- und Exporthandels in den großen Börsenstädten der Handelsverkehr in den kleineren Orten zurückgegangen ist, haben die Juden begonnen, aus diesen kleineren Orten in die Großstädte überzusiedeln, und sie sind heute in Deutschland typische Großstadtbewohner geworden. Von 1871 bis 1910 hat sich die Zahl der Juden in den östlichen, wirtschaftlich weniger entwickelten Provinzen, Ostpreußen, Westpreußen, Pommern und Posen von 116075 (=22,67% aller Juden in Deutschland) auf 62355 (=10,14%) vermindert. In derselben Zeit hat sich die jüdische Bevölkerung in Berlin und der Provinz Brandenburg (zu der die Vororte von Berlin gehören) von 47489 auf 151356 vermehrt. In der gleichen Weise nimmt in Österreich Wien alljährlich eine große Zahl von Juden aus den galizischen Kleinstädten auf, so daß die Zahl seiner jüdischen Einwohner von 73222 im Jahre 1880 auf 175 318 im Jahre 1910 gestiegen ist. Ebenso wächst in Russisch-Polen die Zahl der Juden in Warschau sehr stark

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