Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Die örtliche Verteilung der Juden und ihre Wanderungen in der Neuzeit
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 566 (sequence 2)
- Language
- German
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566 Daten und Materialien Die Einwanderung der Juden hat in den Vereinigten Staaten die Zahl der Juden von 230000 im Jahre 1880 auf 2500000 im Jahre 1915, in der gleichen Zeit in England von 40 000 auf 250 000, in den anderen überseeischen sehen Ländern (Kanada, Südafrika, Argentinien) von 20000 auf 225000 erhöht. Diese Wanderbewegung, die alljährlich etwa 150000 Juden aus dem Ghetto-Milieu Osteuropas nach Westeuropa, England und besonders in die freieren Gefilde jenseits des Ozeans bringt, reißt mit einem Schlage für die Auswanderer die wirtschaftlichen und geistigen Mauern nieder, die sie in ihrer Heimat umgeben, und stellt sie mitten in das brausende wirtschaftliche Leben der fortgeschrittenen Länder hinein. Mit ihrer großen geistigen Beweglichkeit haben die Juden die so brüske Änderung ihrer Lebensformen nicht nur ohne Schaden ertragen, sondern sich ihnen rasch angepaßt und sogar außerordentliche wirtschaftliche Vorteile daraus gezogen. In Amerika haben sie sich in den großen Städten, besonders in New York, niedergelassen und hier neue große Industrien, so z. B. die Konfektionsindustrie geschaffen, die vielen Hunderttausenden Verdienst geben und ihnen ein wirtschaftliches Emporkommen ermöglichen. Ein guter Teil der Einwanderer ist in der Zeit seit 1881 bereits zu Wohlstand gelangt. Noch wichtiger als diese Besserung der wirtschaftlichen Lage ist die kulturelle Wandlung, die mit den Einwanderern und besonders mit ihren Kindern vorgeht. Durch den Besuch der allgemeinen Volksschule wird der Gebrauch des Jüdischen, an dem die Einwanderer selbst gewöhnlich noch festhalten, bei den Kindern durch das Englische verdrängt, und damit stürzt alles zusammen, was sie bisher noch mit dem Ghetto-Milieu verband. Sie machen in einer einzigen Generation die Umwandlung durch, die von osteuropäischen Juden zum westeuropäischen Juden führt. In dieser Beschleunigung der Abkehr von jüdischer Sprache, jüdischer Religion und vom jüdischen Leben überhaupt liegt die Bedeutung der Auswanderung für die Zukunft der Juden. Sie nivelliert die religiösen und kulturellen Unterschiede zwischen den Juden und ihrer nichtjüdischen Umgebung und bereitet damit den Boden für die völlige Assimilation vor. Die Einwanderung der Juden in die Vereinigten Staaten zeigt starke jährliche Schwankungen. Diese Schwankungen hängen ab von der wirtschaftlichen und politischen Lage in Rußland, das fast % aller jüdischen Einwanderer in die Vereinigten Staaten stellt, und von den wirtschaftlichen Verhältnissen in den Vereinigten Staaten. Beispielsweise betrug die Zahl der in die Vereinigten Staaten einwandernden Juden: im Jahre 1880/81 (vor den ersten Judenpogromen) ....... 8*93 im Jahre 1891/92 (nach den neuerlichen Judenpogromen)..... 76417 im Jahre 1897/98 (wirtschaftliche Krisis in Amerika) ...... 27221 im Jahre 1905/06 (Pogrom und russische Revolution, höchste Ziffer) 153748 im Jahre 1908/09 (Depression in Amerika) ............. 57551 im Jahre 1912/13 (Besserung der Lage in Amerika) .........101330 Die Einwanderungsziffer zeigt in ihrem Steigen und Fallen wie ein gutes Barometer die Lage der Juden im Aus- und Einwanderungslande an. Herrscht in den Vereinigten Staaten eine gute Konjunktur und verdienen die dort schon befindlichen aus Osteuropa eingewanderten Juden genügend Geld, so schicken sie Schiffkarten an ihre noch in Rußland und Galizien verbliebenen Verwandten, und die folgen dem Rufe natürlich um so leichter, je schlechter die politische und wirtschaftliche Lage in ihrem Wohnlande ist. Umgekehrt wirkt eine schlechte wirtschaftliche Lage in Amerika hemmend auf die Einwanderung, weil dann die schon in Amerika befindlichen Einwanderer ihrer Verwandten und Bekannten in Osteuropa von der Einwanderung abraten, und vor allem, weil sie dann keine Mittel haben, um ihren Verwandten Schiffskarten zu schicken. Es ist festgestellt, daß weitaus die Mehrzahl der Einwanderer die Kosten der Reise in Form der Ubersendung von Schiffskarten von ihren schon in Amerika befindlichen Verwandten erhalten. Die neue Einwanderung der russischen und galizischen Juden wird auf diese Weise von den schon in Amerika befindlichen Juden aus Osteuropa finanziert und reguliert. Mehrfach sind in den Vereinigten Staaten Bestrebungen aufgetaucht, die freie Einwanderung der Juden aus Osteuropa zu beschränken. Als Grund für diese Bestrebungen wurde der kulturelle Tiefstand dieser Einwanderer und die Konkurrenz, die sie dem amerikanischen Arbeiter durch Lohnunter bietung machen, angegeben. Bisher haben diese Bestrebungen keinen Erfolg gehabt, nicht zum wenigsten wohl deshalb, weil der Augenschein beweist, wie schnell gerade die jüdischen Einwanderer kulturell und wirtschaftlich emporkommen und zu ausgezeichneten Bürgern werden. Solange die. Vereinigten Staaten nicht mit allen