Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 555 (sequence 12)
- Language
- German
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Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser 555 haben. Ein anderer fürchtet den Tod nicht, wenn er ihm von einer Kugel kommt, die ihn nicht allzusehr entstellt. Die meisten fürchten den Verlust der Glieder weit mehr, als den Verlust des Lebens überhaupt. Sie fühlen sich verwirrt und bedrängt mehr von der Fülle der Gefahren, als von der Größe der Gefahr. Dies alles ist mir völlig unbekannt. Ich kenne nur die Gefahr des Todes, die drohend über der Heiterkeit meiner Tage steht. Mir ist nur eine Qual bekannt, die ferne von hier in der Brust eines Weibes beschlossen liegt und in hilflos suchenden Kinderaugen. Ich bin frei jeder Not, frei von den Schrecken des Vielerlei der Gefahren. So kann es euch kommen, daß ihr mich sogar für mutiger erachtet, wo mir die Ruhe bleibt, die der Mehrzahl geraubt wird, die sich gegen dies und jenes zu schützen sucht." „Wenn es sich so verhält, dann sind ja eben diese Unvertretbaren die besten Soldaten. Denn sie sind immer besonnen und dennoch stets gezwungen dem gegebenen Befehl zu gehorchen." „Es ist in der Tat eine sonderbare Sache, daß er, der vielleicht gar nicht den Willen zu seinem Tun hat, unter den Mittätigen der Beste ist." „Laßt euch von Riesers Worten nicht allzusehr abführen, denn die Besten bleiben doch immer die, die nur als Werkzeug des allgemeinen Willens und des allgemeinen Hasses gegen den Feind auftreten." „Ich lasse mich nur allzugerne von seinem Wort verwirren, darum frage ich noch weiter, wie ist es mit den Angehörigen, Kindern, Weibern und Eltern des Bedrohten?" „Dasselbe wie bei uns. Nahezu alle brauchen allerlei Fiktionen, um sich über dem Verlust nicht selber zu verlieren. Um den Verstand in seinen Grundpfeilern aufrecht zu erhalten. Die einen rammeln diesen, die anderen jenen Pfahl in ihre Besinnlichkeit, an dem sich dann ihr Weiterdenken ordnend festhält. So genügt den einen der Gedanke: Es war notwendig. Andere orientieren sich an der Meinung der Vielen: Er ist für das Vaterland gestorben. Es gibt auch viele, die ihn im Himmel wiedersehen werden und schon von Jugend auf gelernt haben, sich daran zu sammeln." „Was sollten sie denn anderes tun?" „Eines verlange ich von den Meinen, ein Schweres. Sie sollen sich freuen. Sie sollen sich freuen, wenn ich heil wiederkehre. Sie sollen sich freuen, wenn ich im Mangel eines Fußes oder einer Hand wiederkehre. Sie sollen ihre Freude an meinem Tod entzünden." „Es ist gemütwidrig, Freude von einem zu fordern, dem das Schwerste widerfahren, das ihn hätte treffen können." „Es ist, als wollte man dem geschlagenen Kind zumuten, sich der Schläge zu freuen." „Nein, es ist nur dieselbe Forderung, die von dem gestraften Kind verlangt, der Strafe Maß nicht zu messen, dem Strafenden nicht um der Strafe willen zu zürnen." „Aber wie kann man sich über den Tod eines Menschen freuen, der einem nahe ist?" „Sage nicht ,den* sondern ,dem' und der Unsinn des Lächelns im Schmerze wandelt sich zur Forderung des Einen, das unseren Tagen des Todes not tut: Freuet euch über dem Tode des Nahen!" „In einem Sinne magst du recht haben." „Dein Beifall ist häßlich! Hier gilt nicht dieser und jener Sinn. Mit allen Sinnen gilt es heute zu erfassen:---Halt! Auch Jeschua ben Josef aus Nazoreth sagt es: Lasset die Toten die Toten begraben."