Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 556 (sequence 13)
- Language
- German
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M. J. bin Gorion: Damit meint er aber keine Freude trotz Tod des Nächsten, sondern den Sinn gelenkt einzig in seine Lehre." „Und ich meine eben mehr als Jeschua ben Josef mit meiner Forderung: Gießet Freude über den Tod der Toten! Nein, nicht bloß trotz Tod und Leid des Nächsten sei dein Sinn gelenkt auf meine Lehre: Heilige die Welt in deiner Freude. Mehr noch und alles. Bis zum letzten. Aus des Geliebten Tod baue einen Altar der ewigen Freude. Aus den Tränen eurer Augen, aus den Wunden eurer zerrissenen Herzen über den Toten brenne ein Feuer der Freude über dem Toten auf. Bis ihr rufen könnt, wie Haschern in seiner Freude rief> da er sich selbst in die Dingwelt zerrissen hatte: Es ist gut so. Möget ihr weinen und klagen. Aber aus Weinen und Klagen soll die eine große Freude gebaut werden. Die herrliche Freude: Gesegnet sei Gott. Gesegnet durch eure Freude. Denn aus eurer Freude bauet ihr Gott von neuem auf. Gießet Freude über den Tod der Toten!" Im Felde Ernst Elijahu Rappeport ALTJÜDISCHE GESCHICHTEN*) mitgeteilt von M. J. bin Gorion Der wandernde Tote Der Meister R. Akiba ging einmal an einem Friedhof vorüber und sah einen Menschen mit einem Bund Holz auf den Schultern wie ein Pferd schnell rennen. Das Gesicht dieses Mannes war kohlschwarz wie das eines Schmiedes. Akiba befahl dem Laufenden stehenzubleiben und sprach zu ihm: Mein Sohn, weswegen verrichtest du solch eine schwere Arbeit? Bist du ein Sklave, und dein Herr legt dir dieses Joch auf, dann will ich dich erlösen und will dir deine Freiheit wiedergeben; bist du aber arm, so komm, ich will dich reich machen. Der Angeredete erwiderte: Mein Herr, laß mich weitergehen, ich darf nicht stehenbleiben. Akiba sprach: Bist du ein Mensch oder ein Geist? Da versetzte der Mann: Der mit dir spricht, ist ein Toter; tagtäglich schickt man ihn aus, Holz zu hacken, um mit diesem Holz ihn selbst zu verbrennen. Akiba fragte: Was war dein Tun auf Erden? Der Tote antwortete: Ich war bei meinen Lebzeiten Zinseinnehmer, und da war ich nachsichtig gegen Reiche und würgte die Armen, und dessen nicht genug, bin ich einst am Versöhnungstage zu einer Jungfrau eingegangen, die eines Jünglings Braut war. Darauf sprach Akiba: Mein Sohn, hast du nicht vielleicht von den Straf engein, die über dich befohlen sind, vernommen, ob es nicht irgendeinen Ausweg für dich gibt? Der Tote entgegnete: Mein Herr, halte mich nicht auf, damit mich meine Aufseher nicht noch mehr strafen, denn das ist die Art dieser Züchtiger; mir ist auch nicht zu helfen; nur eins, hörte ich sie einmal sagen, könnte mir Linderung bringen, aber das ist ein *) Aus dem zweiten Teil der Sammlung: ,Der Born Judas*, der bald im Insel-Verlag in Leipzig erscheinen wird. Eine Besprechung des ersten Teils bringen wir demnächst. (Anm. d. Red.)