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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 554

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
Date
1916-11-01
Page
554 (sequence 11)
Language
German
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554 Ernst Elijahu Rappeport: „Ja, insbesondere ist nicht zu vergessen, daß eine große Zahl der Soldaten, wo nicht gar die Mehrheit Weib und Kindern angehören. Diese Zugehörigkeit, wiewohl mit der Staatszugehörigkeit auf das innigste verknüpft, vermag doch sicherlich in den meisten ganz eigene Gesichtspunkte hervorzukehren.*' ,,Wenn einer seinen Tod so nah vor Augen hat und weiß, daß er in den sonderbarsten Widerspruch gestellt ist, dann mag es allerdings nicht leichte Gemütsbewegungen in ihm geben. Er muß doch jede Angst zehnfach empfinden." ,,Wir sprechen hier, als wären wir gar nicht in des Adam Rieser, Landsturmkadetten und Familienvaters, Deckung. Du kannst es uns am besten sagen, wie das eigentlich ist." „Ich kann euch auch nur das besser als ein anderer sagen, wie es dabei mir ergeht, denn anderen mag ihr Gefühl anders mitspielen. Auch das wird beim Sagen mit und ohne Absicht entstellt erscheinen. Vor allem muß ich betonen, daß es nicht richtig ist, daß ich die Angst stärker empfinde, als gälte es mir, was mir zustößt. Keinerlei Umstände und kein Mensch auf der Welt vermag das zu leisten, wozu ich mein Leben, ehe der Krieg war, bestimmt sah. Meine Stelle in meiner Familie ist nur von mir ausfüllbar. Das wird in jeder Familie dasselbe sein. Es ist aber im Staate gerade entgegengesetzt. Der Staat besteht eben darin, daß jedes seiner Individuen von einem anderen vertreten werden kann. Daher kommt es, daß mir Staat und Familie zwei einander widersprechende Forderungen stellen. Es ist nun weder die Zeit noch der Ort, die beiden Gebote gegeneinander abzuwägen. Auch liegt mir die Meinung ferne —■ immer von der eigenen Person und für die eigene Person sprechend —als könnte irgendeine Forderung von irgendeiner anderen vernichtet, verdrängt oder irgendwie verschluckt werden. Nein, zwei widersprechende Forderungen stehen als zwei unversöhnliche und ewig unversöhnte, einander feindliche Gewalten nebeneinander und gegeneinander in mir, und ich bin mir, sofern ich es nur immer kann, beider gerne zugleich bewußt. Ich meine das wörtlich. Die Forderung, das Leben alles Lebendigen zu achten, hat in mir seine Kraft nicht verloren, wenn ich den Tod eines Lebendigen zu meiner oder anderer Wohl herbeiführe, und ich stelle mich gegen den philisterlichen Drang, dieses Verbrechen durch Entgegnung von Notwendigkeiten zu entkräften. Das liegt vielleicht daran, daß mir nicht wichtig ist, Verbrechen nicht zu begehen, sondern nur, das begangene Verbrechen mit vollem Wissen als Verbrechen zu begehen. Für die Handlungen eines solcherart Gesonnenen ist keinerlei Moralitat von vornherein zu verbürgen, aber seine Handlungen vollziehen sich in Sammlung und Weihe. Was noch wesenhafter ist, sie geschehen in Freude. Solchermaßen eine Forderung an der anderen nicht vernichtend, anerkenne ich auch keine Größenverhältnisse unter den Forderungen. Ihr werdet also sehr wohl verstehen, daß ich trotz der Anerkennung der inneren Forderung, für die Notwendigkeiten des Staates das Leben willig herzugeben, mein einmal hergegebenes Leben weniger von mir aus, als für die Meinen über alles schätze, schütze und hüte. Dies aber wieder geschieht mit solcher Heftigkeit, daß mir nicht an der Gestalt und Gestaltung irgendeiner Zukunft liegt, sondern nur an der Erhaltung des Seins. Daher gibt es auch nur Eines, das ich wahrhaft zu fürchten imstande bin, das ist der Tod. Denket an die Fülle der Gefahren, denen der auf sich allein Gestellte ausgeliefert ist. Denket an die vielen Arten des Todes, an die ungezählten Formen der Qual, vor denen er zittert. Da ist der eine, der gerne zu sterben gedenkt, nur darf ihn der Tod nicht in Abstufungen überkommen, sondern mit einem Schlag muß alles ein Ende

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