Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 553 (sequence 10)
- Language
- German
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Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser 553 „Dem wir uns erstlich zu Willen gegeben haben, der uns groß werden ließ von klein an, das ist uns der rechte Herr"; und trugen Sehnsucht nach dem verstörten Hof, sahen kläglich und gedachten, wie sie entkommen könnten an ihre frühere Stätte. Da starb ihr Zwingherr und kam ein neuer über sie. Der verbot dem Gesinde alle Härte wider die fremden Hunde, daß sie hinfort in Treue dem neuen Hofe anhangen sollten. Er tat sie aus dem Zwinger heraus, daß sie frei laufen mochten auf seinem ganzen Hof, wandelte ihre dürren Brocken in fette Bissen und hielt sie gleich seinen Knechten. Da sie des Dankes voll waren, leckten sie dem angenehmen Zwingherrn die Hände, daß er sie so gut hielt, wie einst der Perserkönig die Juden zu des Mardochai Zeit. Über ein Kleines trat ein alter Knecht ihres rechten Herrn in den Hof und sprach: ,,Euer alter Herr gedenkt mit dem Wenigen, das die Diebe ihm gelassen, sein zertrümmertes Haus wieder zu erbauen, dazu den Hof auch zu errichten zu einem kleinen Besitz. Doch hoffet er auf Gott und vertrauet, daß er dermaleinst wieder groß werde und herrlich wie zuvor. Dazu lädt er alle, die ihm sind treu blieben, daß sie ihm helfen und teilen sein Brod mit ihm. So fett und so mager er es hat, will er es euch geben, wie es recht ist." Da heulte der eine Hund und sprang vor Freude und rannte zum Tore hinaus über Feld und Hügel seinem rechten Herrn zu, der ihn liebte und den er liebte nach der Weise des rechten Dienstes und der rechtmäßigen Herrschaft. Und half seinem Herrn und es ward ihm die Freude am Herrn zum fetten Bissen. Doch der andere Hund knurrte und fletschte die Zähne und fuhr den alten Knecht an, als kennete er sein nicht: ,,Gibt mein Herr mir nicht fette Bissen und hält mich als seinen Knecht und schützt mich gegen sein Gesinde? Soll ich ihm entlaufen, der meine Gefangenschaft gewandt hat? Wer ist mein voriger Herr? Ich weiß seiner nimmer, denn sein Haus und Herrschaft ist umkommen." Da das der alte Knecht hörte, weinte er und kam weinend zu seinem Herren und sagte es ihm an. Höret, ihr Kinder Jisrael, die ihr fette Bissen fresset aus der Zwingherren Trögen! Was dünket euch, ihr Knechte Haschern, der sein Haus aufbauen will auf Zion? Wollet ihr fett werden als der gefräßige Hund, oder wollet ihr froh werden in Haschern Dienst als der getreue? Wahrlich, die Zwingherrn werden recht an euch tun, wenn ihr fett und schlaff seid, von den fetten Bissen und der Dummheit eurer Herzen. Gleichwie auch der ungetreue Hund, da er fett, untauglich und alt ward, da ließ ihn sein Herr auspeitschen aus dem Hof und nachrufen: „Gehe zu deinem vorigen Herrn, denn er bauet sein Haus wieder auf und ich bedarf dein nimmer." Zur selbigen Zeit war der treue Hund noch rüstig, denn er war nicht so fett, und da er alt wurde und nichts mehr leisten konnte, ward sein Alter geehrt auf einem ruhigen Platz."-- „Es ist ein Neues und nicht ganz in die Art unseres bisherigen Gespräches Passendes, Rieser, das du mit den zwei russischen Juden in unser Gespräch bringst. Wollen wir davon wieder auf einen allgemeinen Standpunkt kommen, so müssen wir die Bedingungen des Einzelnen, die ihn dem Krieg entfremden, überhaupt betrachten."