Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 552 (sequence 9)
- Language
- German
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552 Ernst Elijahu Rappeport: „Ungezwungen würde sich gar mancher nicht in diese Gefahr begeben. Aber da er darein gezwungen ist, freut er sich unbewußt sowohl an der Gefahr selbst, als an der Bedeutung, in die diese Gefahr seine Person gebracht hat. Er weidet sich verhohlen an diesem Anblick." „So finden wir zu jedem Übel Gnade und Trost in dem Übel selbst." „Will ich mir die Stellung des Einzelnen im Kriege vor Augen führen, dann denke ich mir ein Schachspiel, in dem die Figuren, die Sklaven des Spieles, von allerlei Wünschen beseelt sind, die dem Spiele und insbesondere dem Geschlagenwerden der einzelnen Figur widerstreiten. Zunächst dem Geschlagenwerden der einzelnen Figur und erst übertragen dem Siege der andern Partei. Solange sie den Sinn der Bewegungen, zu denen sie gezwungen sind, nicht verstehen, werden sie nur deren Qual kennen. Ist nun aber eine der Figuren mit den Gesetzen des Spieles bekannt, so kann ich mir denken, daß ihr das Trost genug ist für die gefahrvolle Lage, in die sie sich dadurch versetzt sieht. Wie mehr noch müßte die Betätigung der Figuren ihnen Zweck genug sein können, wenn wir uns die zweiunddreißig als zweiunddreißig in zwei Lager geteilte Menschengemeinschaften denken würden, in denen jeder Zug von allen besprochen würde und die von dem Ausgang des Spieles vieles erwarten würden." „Vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit, zwei gefangenen russischen Juden zuzuhören, die sich über denselben Gegenstand unterhielten, über den wir eben sprechen. Nur daß ihnen die Frage nach Recht und Pflicht im Vordergrunde des Interesses stand. Der eine wollte es nicht als seine Pflicht anerkennen, einem Staate dienstlich und mit Leben und Tod ergeben zu sein, der ihn bedroht, statt ihn zu beschützen. Der andere jedoch wandte ein, daß es sich bei der Frage, ob der oder jener Staat diese oder jene Bürger genügend schütze, nur um eine Frage nach Graden der Sicherung und Ordnung handle, während die Frage nach der Verpflichtung zur Blutsteuer für alle Staaten prinzipiell sei und prinzipiell dieselbe, mit aller Entschiedenheit dahin zu beantworten, daß jedes Individuum jedes Staates zur Leistung des absoluten Gehorsams in Dingen, die Krieg und Frieden betreffen, verpflichtet sei. Da erzählte der eine eine sonderbare Geschichte, von der ich glaube, daß sie ihren Ursprung in Babylonien haben dürfte. Ungefähr so: Ein Herr hatte einst ein großes Haus und Weib und viel Kinder, Knechte, Mägde, Vieh und Tauben. Es war ein fröhliches Haus. Derselbe Herr hatte auch zwei große Hunde, stark und treu, dem Herren ergeben, dienten ihm tags auf dem Felde und bewahrten nachts Haus und Hof vor allerlei bösen Feinden. Da brach der Feind herein über dasselbige Haus, vertrieb den Herrn, samt Weib, Kind und Gesinde, stahl und raubte alles Geräte und Vieh, dazu auch die Tauben. Daß nur über waren die beiden Hunde. Die reckten die Zähne wider die Feinde, aber waren machtlos wider sie. Da sprachen die Plünderer: „Lasset uns auch die Hunde mitnehmen, denn es sind starke Tiere, daß sie uns dienen und uns treu werden, wie sie vordem diesem Hause sind treu gewesen." Da nahmen sie die Hunde mit sich in ihr Haus, hielten sie streng, nähreten sie kläglich, sperrten sie in den Zwinger und schlugen sie erbärmlich, darum, daß sie heuleten nach ihrem rechten Herren. Doch wollte alle Härte nicht helfen, die beiden Hunde fein demütig zu machen und vergessen zu lassen des rechten Herrn. Sondern die Hunde gedachten in ihrem Herzen: