Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 551 (sequence 8)
- Language
- German
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Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser 551 losen Beachtung zu schenken. Die anderen helfen sich mit beherrschenden Vormeinungen. Aber es gibt auch solche, die dem Sinnlosen so sehr sich gegenüberstellen und es in ihre Gewalt zu bekommen trachten, daß sie ganz darin befangen werden. Sie zerbrechen dann an der Unmittelbarkeit ihrer Erkenntnis, daß nämlich Sinn, als die Kraft alles Seins, nirgends vorhanden sei. Da die Meinung, daß er vorhanden sei, bis dahin der Stock war, an dem sie sich in der übermächtigen Welt orientiert hatten, bleibt ihnen nur der Wahnsinn." „Danach bliebe ja dem allein, dem alles Sein eine glatte Bahn ist, dazu da, daß er darauf herumrutschen kann, die Besinnlichkeit erhalten. Und nach deinen Worten wäre die herrliche Kraft der Besinnlichkeit nur die überkommene blicklose Orientierung. So ist es aber nicht, und darum mögen wir nur immer weiter bei unserem Gegenstande bleiben, je größer uns die Gefahr scheint, uns an ihn zu verlieren. Ja freilich hast du recht, daß der Philister ein feines Gefühl dafür hat, welchen Fragen er sich verschließen muß, und tun, als hätten sie nicht Macht, ihn zu rufen. Aber es gibt ja noch kräftigere Menschen, als die Wahnsinnigen, die nur mehr an der Stütze ihres persönlichen Wahnes durch das Gewirr des Daseins finden, während nahezu alle anderen den Wahn der Gesamtheit zum Stock haben. Der wahrhaft Schauende sieht nicht Sein und Sinn in einem, sondern jegliches Sein ist ihm Forderung. Als würde alles, was ist und geschieht, schmerzverzerrt ihn anschreien, daß er ihm Sinn gebe, so sieht er die Welt als ein chaotisches Gewirre. Nicht wie der Feige oder Blöde zur Seite sieht und allem den überkommenen Mantel des erstarrten Sinnes überhängt, ist er. Sondern er fühlt den Ruf in sich und das Recht, dem Sinnlosen Beherrscher zu sein, und er ist es, der alles Sein und Geschehen besinnt. Indem er sich besinnt, besinnt er die Dinge. Darum ist er es auch, der die Welt zur Freude heben kann, wenn er sie aus seiner Seele beseelt. Nicht Rätsel und Fragen, wie dem Gescheiten, sondern Forderungen sind die Dinge dem Guten." ,,So schön es wäre, muß ich mir doch sagen, daß der Soldat im Kriege nicht mehr die Aufgabe haben kann, Sinn zu geben oder zu suchen. Denn da ist ihm der Sinn schon vorgeschrieben und ihn schützt vor Wahnsinn die Lust, das Große mitzuleben." ,,Und wenn es sein muß mitzusterben." ,,Nein, die Staatsnotwendigkeit ist es." „Warum wird denn nur immer von Ertragen, Not und Qual gesprochen? Ich sehe nichts davon hier draußen. Jeder für sich und alle zusammen würden wir vielleicht lieber anderswo sein, aber das ist nur Wunsch, nicht Macht. Denn alle sind fröhlich und lustig, lachen, singen und machen heitere Späße, sind leichtem Scherz und Lachen zugänglicher, als da wir noch gesichert dachten, in vier Wochen bin ich auch noch am Leben." ,,Bis auf wenige schlechte Kerle, die sich niemals freuen können, wenn sie sich in Gefahr wissen." „Die Fiktion, das Große in eigener Person mitzuleben, die Macht des Patriotismus und das Vorbeisehen an allem Sinn können vielleicht die meisten gerade noch vor dem Wahnsinn schützen. Aber was macht uns hier froh, erhält uns heiter? Was läßt uns die Tage im Feld so oft erscheinen, als wären es Freudentage? Ja gegen seinen Willen erscheint es dem einen und anderen, daß er den Tag segnet, gegen den er das Bedürfnis fühlt, ihn zu verdammen." „Es mag diese Kraft der geheime Zauber sein, sich stark zu fühlen und doch zu wissen, daß jeder Augenblick ein Ende in sich schließen kann,"