Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 550 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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550 Ernst Elijahu Rappeport: alle aus derselben Gegend, alle durch dieselben Kasernen ins Feld, durch dieselben Kugelkonzerte. Der eine oder der andere vielleicht für kurze Zeit im Spital. Wie sie nun noch vor kurzem alle zwölf in derselben Kompanie waren, bitten sie alle gleichzeitig um Urlaub und erhalten ihn auch zu gleicher Zeit. Sie kommen vom Arzt, nehmen ihre Rucksäcke und gehen über die Höhe gegen das Regimentskommando. Jeder trägt den weißen Schein, den langerhofften Urlaubsschein in der Hand. Sind kaum auf der Höhe, kommt eine Kugel dem Vordersten von rückwärts durch den Kopf. Kein Feind hat seinem Willen mit dieser Kugel ein Ziel gesetzt, denn von dort oben aus kann man nicht gesehen werden. Der Schädel öffnet sich. Die elf anderen bleiben zusammengesunken, wie an den Boden geklebt, stehen. Keiner spricht. Der Arzt kommt und macht kurze Notizen. Es kommen Leute mit Schaufeln und einem schon fertigen Holzkreuz. An dem Kreuz ist eine noch leere Tafel. Sobald die Schaufeln in die Erde schneiden, erwachen die elfe. Sie nehmen die Schaufeln selbst zur Hand und schaufeln die schwarze Erde. — Nirgends ist die Erde so schwarz wie an dem Orte, da ein Toter in sie gelegt wird. — Sie fügen sechs Brettchen zu einem Sarg. Sie senken den Sarg in die tiefe Gruft. Und sonderbar flattern bei allen Hantierungen die weißen Urlaubscheine, die jeder in der Bluse quer vor der Brust stecken hat. Nur der seinen ewigen Urlaub erhielt, dem war das Blatt entglitten. Mechanisch hatte es der Rainer Hans aufgenommen und ehe die schwarze Erde auf den Sarg geworfen wurde, flatterte der Urlaub in die Tiefe. Der Rainer Hans stutzt. Er entfaltet das Blatt, das vor seiner Brust steckt. Dies ist ja des Zwölften zeitlicher Urlaub. Der eigene in der Gruft. Dem Kameraden wieder nehmen, was er ihm ins Grab geworfen? Da flattert auch des Toten weißer Urlaubschein ins Grab. Die anderen haben Eines begriffen. In dem Einen mehr als die magere Wirklichkeit. Einer nach dem anderen tritt heran und wie weißer Schnee fallen die Scheine auf den Sarg. Auf die weißen Zettel prasselt die Erde. Ein Hügel, ein Kreuz mit einer Tafel. Links oben auf der Tafel steht ein Name. Warum nicht in der Mitte?" „Ist das das Grab, in dem die zwölf liegen, gleich rechts auf der Höhe?" „Ja, es sind die zwölf. Die zwölf Rainer." „Wenn Ruhezeiten wie die jetzige eintreten im Felde, dann wird jedes Einzelnen Tod genauer betrachtet und man wird erst gewahr, welches Unmaß von Tragik jedem Sterben mit Recht zugeschrieben wird." „Immerhin mußt du doch sagen: zugeschrieben wird, um keinen Unsinn zu behaupten." „Da hast du sehr recht, man kann — und in dieser Zeit muß man sich, um es auszuhalten, bewußt werden, daß Tragik und Schicksal nicht irgendwelche Realitäten sind, die in der Welt an sich ihre Berechtigung haben, sondern daß allein unser Geist der Tragiker ist, der aus irgendwelchem Geschehen Schicksal und Tragik zu machen versteht." „Das ist schwacher Trost, wenn ich bedenke, daß die Inbrunst unserer Wünsche ebenso unreal und real ist, wie die anderen Kategorien, die wir aufstellen und im Grunde aufzustellen genötigt sind, um fröhlich zu leben." „Es kann in dieser Zeit nicht darauf ankommen, fröhlich zu leben." „Unser Gespräch nimmt eine gefährliche Wendung; an der Stelle, an der wir uns befinden, muß man, glaube ich, alles Denken sein lassen, denn vergebens wird man einen Sinn in diesen Gewaltsamkeiten des Zufalles suchen." „Dazu stellen sich die Menschen verschieden. Die einen wagen nicht, dem Sinn-