Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 549 (sequence 6)
- Language
- German
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Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser 549 „Halt! Hier haben Sie selbst den Sinn, einen Sinn meiner Worte aufgedeckt. Sie sagen, der jüdische Gedanke könne mir hier nicht mehr folgen. Da nennen Sie aber nur das jüdisch, was sich ängstlich an die 613 Vorschriften anrankt. Kennen Sie auch die jüdischen Kräfte, die fern dieser Gebote äußerer Lebensführung irrend, suchend nach Gott, nach ihrem alten jüdischen Gott tasten und keinen Anhalt finden? Sie mögen es glauben oder nicht, Gott sind die Suchenden lieb. Dazu waren einst die zehn Symbole der Gottgemeinschaft gegeben: Wegweiser und Weg zu Gott für die Suchenden. Die Gerechten aber haben die Wege zu Gott zusamt den Weisern verschüttet." Die Sonne war untergegangen. Adam Rieser legte den Oberkörper abermals flach ins Gras und starrte in die sich verdunkelnde blaue Wölbung. Eine längere Pause beendete das Gespräch. Dann erhob sich Rieser. Groß folgte seinem Beispiel und sagte nach den ersten Schritten: „Es wird sich nicht entscheiden lassen, wer recht hat." „Doch, mein Lieber, und das ist ja das Traurige, daß Sie recht haben.11 4. Der Unterstand des Rieser war sehr groß, und gerne kamen die Kameraden in freien Stunden dahin, denn sie liebten es, mit Rieser zu sprechen und das eigene Wort an seinem zu reiben. Auch diejenigen, denen der geheime Ernst in seinen oft sonderbaren Reden verborgen blieb, fanden doch an seinem Worte Freude und ein willkommenes Erstaunen. Diesmal hatte sich ihr Gespräch an dem Tod eines alten Soldaten ihrer Kompanie entzündet, an dessen Unglück alle Anteil nahmen, und es waren ihre Worte wie eine Feier dem Toten. „Das ist doch unsinnig. Arglos geht er an dem einen von hunderttausend winzigen Schießschartenlöchern vorbei, trägt eine Feldpostkarte in den Kasten. Von den wenigen Schüssen, die von drüben nur wie aus Langeweile herüberkommen, geht einer eben durch dieses Loch, an dem der Alte vorbeigeht." „Wie alt war er?" „Über vierzig, aber ohne Weib und Kinder." „Dem Getroffenen mag es wohl einerlei sein, ob ihn eine Kugel, die zufällig, wie ein Insekt durch die Luft schwirrt, in ihrer Bahn erreicht, oder ob er einem gezielten Schuß fällt. Für mich grenzt dies an das Unfaßbare." „Wenn nun noch das Persönliche an einem Schicksal hinzutritt! Es erscheint dann nicht mehr als Schicksal, sondern als ein sinnlos gewordenes Geschehen. Er trägt die Karte in der Hand, denkt wohl an den Empfänger, es sind andere in seiner Nähe. Da kommt eine von jenen wahnsinnigen Kugeln durch seine Brust in den Sand. Zwei Schritte noch wie eine Maschine und er sinkt zusammen. Dies ist die Karte: ,Lieber Toni! Vor allem teile dir mein volles Gesund mit, indem ich von Dir und der Resi dasselbige hoffe. Daß Du jetzt auch Soldat bist soll dich freuen. Mir war's auf der Welt noch niemals so schön wie jetzt. Und so verbleibe ich dein Onkel Binder.'44 „Ich glaube doch, daß eben diese Kugeln, die wir wahnsinnig nennen, am meisten Schicksal in sich tragen und auch hervorrufen. Das hat mir auch kürzlich wieder die Geschichte der zwölf Rainer gezeigt, die einmal alle in meinem Zug waren. Sie waren