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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 548

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
Date
1916-11-01
Page
548 (sequence 5)
Language
German
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548 Ernst Elijahu Rappeport: 3- Einige Tage nach diesem Ausbruch von Mutwillen bei Rieser hatte er von der nächsten Ortschaft einige Kilometer hinter der Front gemeinsamen Rückweg mit dem Infanteristen Schandor Groß. Die Sonne war eben daran, sich in die Nacht zu senken, als Rieser durch eine wohlig geneigte, hochgrasige Wiese am Weg zur Rast verleitet wurde. Auf seinen Wink legte sich der Weggefährte nahe herzu und bald waren sie in ein ernstes Gespräch verstrickt. Menschen sprechen zueinander und nebeneinander oft minutenlang, ohne sich der Sonderbarkeit ihres Gespräches bewußt zu werden. Auch ist es dann meist nicht Gespräch, sondern wie das gleichzeitige Blöken der Schafe. So war auch das Sprechen eine Zeitlang zwischen den beiden, bis plötzlich Rieser, von einer eigenartigen Unruhe und Ergriffenheit gepackt, zur vollen Besinnung des Wortes kam. Er wußte nicht mehr, welche Worte vorher gefallen, was er, was Groß gesagt, noch wovon sie gesprochen. Aber aus den vorangegangenen Worten der Trägheit löste sich ihm eine Frage. Er stützte sich auf den linken Unterarm im Gras auf, sah aufmerksam auf die noch rastgelösten Züge des anderen und löste die Frage von seinen Lippen: „Sind Ihnen die Gesetze Gebote Gottes?" Ein wenig erschrocken und hastig erwiderte der Gefragte: „Ich verstehe nicht, was Sie fragen. Was Gott geboten hat, ist Gebot Gottes." „Nicht so meine ich das. Wenn einer die Gesetze und Gebote erfüllt, dient er damit allein schon Gott? Oder ist die Befolgung aller Gebote nur die Gewähr dafür, daß er weder zum Guten, noch zum Bösen in Gottes Wege tritt?" „Man kann doch nichts anderes tun, als was geboten ist befolgen? Anders kann man doch Gott nicht dienen." „Man muß ihm anders dienen können. Erinnern Sie sich nur der Worte: er ist ein Priester nach der Weise Malki Zedek. Dieser König wird als Priester geehrt und kannte doch keinerlei Gesetze." „Zu seiner Zeit hat es noch keine Gebote gegeben." „Also kann es auf die Gebote nicht ankommen. Gesetze, Gebote und Gebräuche sind nur ein vorgeschriebener Rhythmus äußerer Lebensführung. Äußerer Lebensführung. Nur ein Kleid. Es muß ein Inneres, es muß eine Kraft hinzutreten, um Gott zu dienen. Ich sage Ihnen noch mehr. Die Gebote der großen Lehrer sind ausgesprochenermaßen ein Zaun um das Gesetz. Aber dieses gottgesetzte Gebot selbst ist ein Symbol und ein Zaun. Also die gebotene äußerliche Lebensführung ist ein Weg nicht zu Gott, nicht von Gott weg, aber um die Gemeinschaft mit Gott herum." „Ich kann Ihnen darauf nicht ja sagen. Ich kann Ihnen nicht nein sagen. Gott hat geboten. Das genügt mir. Wozu, weiß er. Das Wissen hat er mir nicht gegeben." „Was hat Gott geboten? Sagen Sie mir weder was von Moscheh noch was die Propheten noch was die Rabbinen geboten haben." „Die zehn Gebote hat Gott dem Moscheh unmittelbar geboten!" „Die zehn Gebote hat Gott dem Moscheh unmittelbar offenbart. Aber ein Volk, das zu gleicher Zeit das goldene Kalb umtanzte, hat sie entstellt. Hat ihnen einen entkräfteten Sinn gegeben. Hat sie schlecht überliefert. Zehn Symbole der Gottgemeinschaft. Zehn Siegel der Gottesbrautschaft — zehn Forderungen des Gottgewordenen! Das waren die zehn von Gott selbst offenbarten Zeichen. Zu Regeln der Menschengemeinschaft hat priesterliche Überlieferung diese Zeichen entwürdigt." „Da kann Ihnen ein jüdischer Gedanke nicht mehr nachkommen."

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