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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 547

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
Date
1916-11-01
Page
547 (sequence 4)
Language
German
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Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser 547 zu beweisen, als der feldgraue Rock gestattete. Aber er freute sich dennoch oft über dieses südungarische Ja-Wort seiner oft verletzten Judenliebe. In seinem Regiment waren viele galizische Juden, die seine Erfahrungen so sehr hin- und herschleuderten, daß sich seiner, gegen seine Vorabsichten, ein Widerwillen gegen jeden jüdischen Soldaten bemächtigte. Dieser bis zum letzten Atemzug, ohne Haß gegen einen Feind, ohne besondere Wünsche für oder gegen irgendwelche Staatsformen, ohne Überlegungen und Dawider ergebene Landsturmmann, dieser Mustersoldat Schandör Groß brachte von jeher das Hemd des Rieser zum Flattern. „Sonderbar," sagte sich Adam Rieser, „dieser Mann trägt kein Davidzeichen an der Kappe und keine Judenprobleme im Kopf und doch ist er mir in so vielem als Jude überlegen. Was ich aufschaufeln und durchschaufeln muß in mir, das trägt er ruhig in sich." Kadett Rieser ging von einem der Infanteristen zum anderen, um nachzusehen, ob sie ordentlich zielten und die Distanz richtig berücksichtigten. Als er zu Schandör Groß kam, mußte er über die angestrengte Inbrunst erstaunen, mit der dieser dem gezielten Schießen ergeben war. „Der Einzige, der vielleicht etwas trifft", sagte die Kadettenbluse. „Ein jüdischer Dulder ist leichter zu finden als ein geduldiger Jude", sagte leise das Zivilhemd. Und in diesem Gedankengang wurde Adam Rieser von seinem Zivilhemd dazu getrieben, langsam, laut und deutlich dem Infanteristen Schandor Groß ins Ohr zu sagen: „Schophäch dam ha-adam ba-adam damo jischaphäch, kij bazäläm älohijm assah äth ha-adam." (Wer Menschenblut vergießt, vom Menschen wird sein Blut vergossen werden, denn in der Älohijm Bild hat Er den Menschen gemacht.) Schandör Groß gibt keinen Schuß mehr ab. Seine Hände zittern zu stark. Sein Gesicht wechselt zwischen Rot und Gelblichweiß zweimal die Farbe. Er zieht das Gewehr aus der Scharte und hält es mit beiden Fäusten krampfhaft schräg vor seinem Leib. Seine Augen sehen groß, starr, von höchster Freude und tiefstem Schmerz durchglüht, in den gewaltsam beruhigten, im Grunde aber doch selbst erschrockenen Blick des Adam Rieser. Sekundenlang bewegt sich nichts mehr in dem rotbärtigen, würdigen Judenantlitz. Dann sinkt das Gewehr in der rechten Hand nach rechts. Der linke Arm senkt sich nach links. Es senken sich die Schultern. Es senkt sich des Schandör Groß Kopf ein wenig, und während sich seine Augen so weit senken, daß sie nicht mehr am Blick des Adam Rieser, sondern an dessen Mund haften, zieht glänzender Tau von den äußeren Augenwinkeln gegen die inneren. Dort und an den geröteten unteren Augenlidern schlägt sich der Tau zu zwei Menschentränen zusammen. Schamdurchzuckt denkt Adam Rieser daran, daß auch der Menschenträne, gleich dem Menschenblut, Heiligkeit gebührt, und tadelt den Aberwitz seines Ketzerwortes. Doch nimmt sein Gesicht einen harternsten Ausdruck an. Endlich spricht Schandör Groß unverständlich und ungarisch. „Jawohl," antwortet Rieser, der kein Wort verstanden hat, „Sie sind marod. Gehen Sie sofort in die Deckung und legen Sie sich nieder! Verstanden? Abtreten!" Als er dem Befehl gehorchte, legte sich ein inniges Lächeln, wie segnender Schein über des Infanteristen Züge. Und gegen einen Kameraden, einen jüdischen Infanteristen aus Galizien äußerte er: „Warum der Kadett Rieser oft schlecht zu uns ist, das kann ich nicht verstehen. Aber wenn er gut zu uns ist, so versteh ich ihn ganz. Da versteh ich ihn, als wenn er mein Bruder wäre." 38*

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