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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 546

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
Date
1916-11-01
Page
546 (sequence 3)
Language
German
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546 Ernst Elijahu Rappeport: Gruppen des Judentums und die stumpfen Winkel zeigen Ihnen die dumpfen stumpfen Winkel des Galuth, der Gefangenschaft. 6 mal 60 Grade der Erfüllung inmitten 6 mal 120 Graden der Versumpfung." „Nach dieser Darstellung ist ja das sogenannte Judenproblem furchtbar einfach und planimetrisch!" „Vergessen Sie nicht, Herr Oberleutnant, daß das nur ein Symbol ist. Außerdem ist ja das Judenproblem ein Raumproblem.*' „Aber sagen Sie, Herr Kadett, wo steht das alles, was Sie mir da gesagt haben?" „Meyers Konversationslexikon Band D jDavidszeichen', Herr Oberleutnant." „Na Servus!" „Respeckt Herr Oberleutnant!" Ergebenheit und Hohn, Trauer und Freude, Unmittelbarkeit und Verschlossenheit mischen sich oft sonderbar in den Reden Adam Riesers. Selbst in seine militärischen Meldungen mischt sich manchmal der höhnende Übermut seines Zivilhemdkragens. 2. Das war ein Gefecht, das den Namen eines Gefechtes gar nicht verdient. Die Russen zeigten einige Gestalten, die frech und furchtlos Vorarbeiten besorgten, und der Befehl kam, aus sicherer Deckung die Kühnen zu beschießen. Als dieser Befehl Adam Rieser erreichte, lag er an geschütztem Ort platt auf dem Rücken, dachte an allerhand friedliche Dinge, begrüßte die feinen weißen Kreise des Storches über sich in der blauen Luft und lächelte froh und sorgenfrei in den Maihimmel. Es war ihm gegen Sinn und Gefühl nun aufzustehen, seine Untergebenen zusammenzurufen, aufzustellen, ihnen Ziele zu bestimmen. Bei all diesen Besorgungen, die er als gut gelernte Rolle glatt abwickelte, hatte er die volle Fröhlichkeit des Maitages nicht verloren. Als aber die Luft durch das gestaltwädrige Krachen der Gewehre zerfetzt wurde, überkam ihn das Bedenken. Da bedachte er zunächst, daß es Mitte Mai sei. Dann bedachte er, daß um diese Jahreszeit sein Sohn geboren worden und daß es damals ganz anders außen herum und doch genau so in seinem Inneren war. Es war heiß. Kadett Rieser öffnete seinen schönen Goldkragen. Er fühlte das Hemd am Hals hervorstreben. Er ließ das nicht allein zu, sondern er riß sogar mutwillig beide Hemdkragenenden über den niedrigen Soldatenkragen. Plötzlich stand er hinter dem Infanteristen Schandör Groß seines Zuges. Schandör Groß ist ein mittelgroßer Mann mit rötlichem Bart und demütig-klaren bläulichen Augen. Sein Gesicht war ein wenig abgespannt und abgemagert zu der Zeit, denn es war kurz nach den acht Pessachtagen, an denen der Infanterist Groß keinerlei vom Brauch und Gesetz verpönte Nahrung zu sich genommen hatte. Das bedeutet, daß er während dieser acht Tage nur von stark gezuckertem Kaffee gelebt hatte, den ihm seine Frau für diese Tage geschickt hatte. Schandör Groß, der ein großes und einträgliches Unternehmen in Südungarn sein eigen nannte, hätte Vermögen genug besessen, um sich bei der guten Postverbindung alles Nötige reichlich senden zu lassen. Aber mit der Überlegung, daß es nicht gut tue aufzufallen, wies er alles von sich. „Es fällt zu Pessach das Mannah in alle jüdischen Töpfe", sagte er zu einem Kameraden. „Mein Pessachkaffee schmeckt gar nicht nach Kaffee, aber nach der großen Freude, daß ich die Gebote des Ewigen auch dann kenne, wenn sie unbequem sind." Rieser hatte mit Groß niemals viel gesprochen. Er hatte bei dem Regiment erlernt, seine Untergebenen fern vom Zivilhemd zu halten und bloß soviel Gutmütigkeit

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