Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 545 (sequence 2)
- Language
- German
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Ketzerworte des Dr. A. A. Rieser 545 Diesem Adam Rieser hatte der Weltkrieg-Maskentanz die graue Maske mit dem schönen Goldkragen des Kadetten im österreichischen Heer angezogen und läßt ihn die Rolle des Offiziers darstellen. Er beherrscht seine Rolle. Aber manchmal lugt doch, wenn es gar zu heiß ist, über dem offenen Goldkragen mit den sechs Blech - Sternen das Zivilhemd hervor. Zur ärarischen Wäsche kann sich der Dr. Rieser nicht entschließen. Dieses Zivilhemd ist ein Ketzer, wie Adam Rieser einer ist. Der Kadett Rieser schimpft aufs gröbste mit dem 42 jährigen Infanteristen Dobosch, der die Gewehrgriffe trotz dreimonatlicher Ausbildung noch immer schlecht macht. Der Kadett Rieser nennt diesen Dobosch ein dummes Tier, einen faulen Fetzen und dem Zivilhemd des Adam Rieser kommen Tränen. Und das Zivilhemd des Adam Rieser streicht voll unbändiger Liebe über den Kopf und die gutmütigen Augen des Infanteristen Dobosch. Wiewohl an der Kappe des Adam Rieser außer der besonders feldgrauen Offiziers - rosette das David-Zeichen als Sinnbild seiner Stammestreue auffällt, so kann man dieser Kappe doch keine jüdische Auflehnung gegen das Fremde anmerken, denn ins Davidzeichen sind die Bilder der Kaiser von Österreich und Deutschland geprägt. Sieht man genauer hin, so gewahrt man, daß sich Österreichs Herrscher in dem sechszackigen Rahmen ganz heimelig fühlt, während sich das mehr im Hintergrund befindliche Antlitz des Herrschers über Deutschland eines gewissen peinlichen Hinausstrebens aus den sechs saugenden stumpfen Winkeln nicht enthalten kann. Die sechs spitzen und die sechs stumpfen Winkel! Ein vorgesetzter Berufsoffizier frägt Adam Rieser: „Herr Kadett, warum ist denn dieses Abzeichen ein jüdisches?" So schwer auf diese tiefsinnige Frage zu antworten ist, nimmt Adam Rieser doch die Kappe zwischen die Finger und spricht ruhig und langsam: ,,Herr Oberleutnant sehen zwei seitengleiche, gleichseitige Dreiecke, die gegeneinander in jener unlöslichsten Widersetztheit stehen, in der nur seitengleiche, gleichseitige Dreiecke bei eben dieser Stellung sein können. Das eine Dreieck ist im Grunde nichts. Das andere auch. Aber ihre Antinomie bildet eine Wesenheit. Das Judentum ist auch nichts, wenn man seine eine Gestalt sieht, nichts, wenn man seine andere Gestalt sieht. Aber es wird zur Gewalt und zum Sein in dem Widersatz seiner beiden Gestalten. Zudem ist der Querschnitt durch jedes jüdische Herz durch eben diese beiden streitenden Winkelräume gekennzeichnet." „Nicht möglich!" unterbrach der Herr Oberleutnant voll ungläubigen Staunens. Bis zum letzten Satz hatte er kaum zugehört. „Da muß ich noch heute den Regimentsbader fragen/4 „Bitte," setzte Rieser in seiner ruhigen Art fort, „schlagen Sie auch Konversationslexikon von Meyer Band ,J' Judenherz' nach. — Aber das Davidzeichen hat noch andere Symbole in sich. Sehen Sie die sechs spitzen Winkel und die sechs stumpfen Winkel an. Wo eine Spitze zur Tat drängt, nach außen in alle unbedingten Fernen, und ihren bedingungslosen Imperativ schreit: ,Du mußt!' —da ist ihr zur Linken und zur Rechten ein stumpfer Einblick in ihre Gebundenheit gegeben, und die linke Verstumpfung sagt ,Wenn', die rechte ,Aber'. Sehen Sie sich zum Beispiel diese Spitze an. Sie ruft: ,Wer sich vom Weibe scheidet, bricht ihre Ehe!' Horchen Sie auf den Nebenwinkel: ,Wenn du dich aber scheidest, so sollst du ihr einen Scheidebrief geben!' Und das innige Sechsseit des Symbols fühlt die Entwürdigung seines Inhalts. —- Sie haben in den sechs Spitzen die sechs strebenden, widerstrebenden Kräfte und Heft 8. 38