Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 543 (sequence 10)
- Language
- German
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Grundlagen des Nationaljudentums 543 Landes und der nationalen Sprache ist der Nationalismus in der Diaspora ohne Sinn, und die Assimilation — eine mutige Konsequenz. Wir kennen auch den besseren Stil des Afternationalismus, der die Verneinung des Galut ausspricht und die Forderung von Land und Sprache aufstellt. Nur begründet er es auf seine Weise: Land und Sprache sind ihm „bloß" die nationalen Formen, der Geist des Judentums „aber" der nationale Inhalt. Welchen Wert hätten die Formen ohne Inhalt? Welchen Sinn hätte ein Martyrium für Formen, wenn es nicht um des großen Inhalts, des Bekenntnisses, der Ideen des Judentums willen geschieht? Verlohnt es sich für „des Inhalts entleerte Formen" einen Kampf zu führen? So fragt der geistige Nationalismus. Wahrlich, mit dem Erstarken unseres umgewerteten Lebens in Palästina wird die neue Generation einen Kampf für die nationalen Formen, Land und Sprache, wie unsere Väter in der Diaspora für den Inhalt des Judentums, tapfer und freudig führen und kein Opfer scheuen. Und sind nicht bereits die ersten Anzeichen dafür da, daß die neue Generation, die dem Inhalte des Judentums, seiner Religion und den Ideen des Judaismus fast entfremdet ist, einen Sinn für ein Martyrium der „bloßen" Form wegen — unserer nationalen Sprache wegen — zu bekunden weiß? Hier erkennen wir den Grundirrtum der nationalen Theorie vom Geiste des Judentums. Sie hat mit der Religion eine gemeinsame Methode in der Anerkennung eines Inhalts als eines Kriteriums des Judentums. Nur ist diese Methode im Wesen des religiösen Kriteriums, das ein Bekenntnis zu einem bestimmten Inhalt fordert, tief begründet, bildet aber einen inneren Widerspruch in einem nationalen Kriterium. Der Inhalt einer Lehre, ein religiöses Bekenntnis, eine Weltanschauung, ein bestimmter Ideenkomplex, kann nie ein nationales Differenzierungsmoment bilden, nur die Form vermag es. Und der abstrakte Inhalt des Judentums als Ethizismus kann erst recht nicht ein nationales Moment bilden. Wir sahen ja, daß er seiner Anlage nach in Universalismus münden mußte, seiner Natur nach anational, ja antinational ist. Wir erkannten bereits: die Erhaltung des sittlichen Inhalts des Judentums ist keineswegs mit der nationalen Erhaltung des Judentums identisch zu setzen. Dieser Inhalt wird auch außerhalb der nationalen Grenze unserer Existenz erhalten, und zwar in der Form der allgemein-menschlichen sittlichen Ordnung, des Sozialismus und der vielen Kulturinstitute, die den Geist des Judentums verwirklichen. Kommt es auf die Erhaltung des jüdischen Lehrinhaltes an, so wird 2. B. die sozialethische Idee des Sabbats in der christlichen Sonntagsruhe erhalten; die nationalhistorische Form dieser jüdischen Institution wird aber dadurch vernichtet. Inhalte sind ihrem Wesen nach anational; wenn ihr Ursprung auch national ist, tendieren sie doch nach Universalität, weil Allgemeingültigkeit. So die Inhalte der religiösen und sittlichen Lehren. Daher bilden Konfession und Moral diejenigen Geschichtsfaktoren, die die nationalen Schranken durchbrechen und die verschiedensten Völker im Namen eines Lehrinhalts vereinigen; sie sind die antinationalen Tendenzen in der Geschichte der Menschheit. Ein fremder Inhalt kann wohl durch jüdische Formprägung ins Judentum eingebürgert werden und nationale Weihe erlangen. Eine fremde Form aber kann nie durch einen jüdischen Inhalt jüdisch werden und in unsern Nationalbesitz übergehen; sie enteignet vielmehr den Inhalt und erwirbt ihn für ihre nationale Domäne. Das nationale Matrikel aller Werte ist die Form. Im Glauben, den Geist des Judentums in einem fremden Gewände wahren und