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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 542

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Grundlagen des Nationaljudentums
Date
1916-11-01
Page
542 (sequence 9)
Language
German
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542 Jakob Klatzkin: Ist nicht die Behauptung statthaft, daß der Geist des Judentums durch den Verlust unseres Staatswesens an Lebenswirklichkeit, an Vertiefung und Festigung nur gewonnen hat? Mit dem Schwinden unserer Macht konnten wir aufrichtiger die Nichtigkeit der Gewalt predigen und das prophetische Wort: Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geist" bewahrheiten. Hermann Cohen durfte daher sagen, daß der Untergang des jüdischen Reiches eine segensvolle Schicksalsfügung war: der Untergang unseres Reiches habe erst den Fortbestand und die Fortentwicklung unserer Ideen in ihrer vollwertigen Wahrhaftigkeit ermöglicht. Und die westeuropäischen Rabbiner deuten auch in diesem Sinne den Midrasch-Spruch: „Am neunten Ab ist der Messias geboren" . . . Allenfalls: was dem Geiste des Judentums als einer Sittenlehre fördernd ist, ist es noch nicht für die nationale Sonderart des Judentums. Wie viel vom Geiste des Judentums ist im Sozialismus erhalten und wie wenig doch vom nationalen Sein des Judentums. Und ist nicht der Sozialismus vielmehr eine Art von Expropriierung des „Geistes des Judentums"? Die Ideen des Judentums verbreiten sich immer mehr — freilich, aber bedeutet es denn nicht, wie gesagt, daß sie immer mehr aufhören, unser nationales Eigentum zu sein, indem sie in den Besitz der Menschheit übergehen? Somit müssen wir den Satz prägen: Wahrung und Förderung des Geistes des Judentums, des Monotheismus, des Messianismus, des Optimismus, des Sozialismus und all der Ideen, die als Judaismus bezeichnet werden, bedeuten noch nicht eine Wahrung und Förderung unseres nationalen Seins; gar oft ist das Wohl dieses „Geistes" das Weh unseres Seins. 4- Will also der Nationalismus den „Geist des Judentums" verneinen? Dieser Vorwurf wäre ungerechtfertigt. Er will ihn nicht verneinen, sondern ihn nicht zu einem nationalen Kriterium erheben. Er will das Judesein nicht durch ein subjektives Moment, durch ein Bekenntnis bedingen, sondern durch ein objektives: Land und Sprache. Sie sind die Formen des nationalen Seins. Aber unser Land ist nicht unser, unsere Sprache nicht Volkssprache. Freilich/ sie sind Antizipationen einer nationalen Forderung; und nur in Vorwegnahme der erstrebten Zukunft und in Verneinung der Galut-Gegenwart legitimieren wir uns als Nation. Ohne die Richtung auf eine nationale Zukunft unseres Landes und unserer Sprache, ohne diese Korrelation, ohne die Orientierung an diesem Seinsollen, das noch kein Sein darstellt, können wir für das Judentum in der Diaspora den Begriff einer Nation nicht beanspruchen. In der Diaspora haben wir aufgehört, eine Nation zu sein, — sagen die Assimilationsjuden. Und der Nationalismus muß erwidern: Wk^sind eine Natiqn ÄUch.in^.4.er Diaspora, insofern unser Wille auf di.e Erlösung aus der Diaspora gerichtet ist; auf die Wiedergeburt*unseres Lahdes und" unserer Sprache. Auch in der Diaspora bilden wir eine nationale Einheit;"auch im fremden "Lande und in fremder Sprache, wenn wir nur im Geiste des Judentums leben und wirken, — sagt der Galut-Nationalismus. Und der echte Nationalismus muß erwidern: In einem fremden Lande und in einer fremden Sprache ist unsere Existenz nie national, selbst wenn wir noch so sehr im Geiste des Judentums, d. h. der jüdischen Sittenlehre leben und wirken. Ohne die Zukunfts-Korrelation des nationalen

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