Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 544 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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544 Ernst Elijahu Rappeport: sogar fördern zu können, hat Philo den jüdischen Inhalt in hellenistische Form kleiden wollen. Es war ihm um den Inhalt zu tun, für den er in Liebe und Verehrung seine mühevolle Arbeit einsetzte. Die Form aber hat über den Inhalt entschieden. Das Werk Philos konnte nur außerhalb der Grenzen des Judentums eine dauernde Wirkungsstätte finden. Ein geschichtliches Beispiel für die Suprematie der Form ist ferner die arabisch-jüdische Literatur, die nur insofern das Judentum schöpferisch beeinflußte, als sie ins Hebräische übertragen wurde. Auch unsere neuzeitliche Literatur, die in fremden Sprachen niedergelegt ist, kann nicht als unser Nationaleigentum angesehen werden und muß erst aus dem Sprachenexil erlöst werden, um dem jüdischen Schrifttum einverleibt zu werden. Vielleicht darf man in diesem Zusammenhange die Vermutung aussprechen, daß ein deutscher Dialekt nie hätte zu Jiddisch werden können, hätte er nicht den Charakter der hebräischen Typen angenommen. Nur Formen können ein nationales Kriterium bilden. Wir können die Distanz zwischen dem Kriterium des Inhalts und dem der Form an den zwei entgegengesetzten Strömungen im modernen Judentum ermessen: die Assimilationsprediger, die nie müde werden, das „Wesen des Judentums" und den ,,Geist des Judentums" zu verherrlichen — auf der einen Seite; die Vorkämpfer unserer nationalen Renaissance, Schöpfer der neuhebräischen Literatur (z. B. Berdyczewski, Tschernichowski u.a.), die gegen die Grundlehren des Judaismus in Opposition treten — auf der anderen Seite. Wer von beiden Gruppen schafft nationale Werte? Die Antwort ist klar. Es ist nur natürlich, wenn sich der Afternationalismus so sehr gegen den Territorialgedanken des modernen Zionismus gewehrt hat. Der Zionismus besagt in seinem tiefsten Grunde die Eliminierung des Inhaltes aus dem nationalen Kriterium, das sich nur von Formen, wie vornehmlich Land und Sprache, bestimmen läßt. Der Zionismus stellt daher die strengste Konsequenz der nationalen Erkenntnis dar. Er bedeutet eine neue Epoche als Grundlage eines neuen Kriteriums des Judentums. Pully bei Lausanne Jakob Klatzkin KETZERWORTE DES DR. A. A. RIESER I. Mancher wird es von vornherein bezeichnend finden, daß ein junger Mann, der bis gegen sein zwanzigstes Lebensjahr seinen Namen nie anders als Alfred Rieser schrieb, sich mit einmal den mehrsagenden Namen Adam Rieser beilegt. Wo es die Geburtsdokumente erheischen, schreibt er allerdings Dr. Alfred Adam Rieser und wo die Kürze es will A. A. Rieser. Das allein ist bezeichnend, doch würde es eine Seite seines Wesens allzusehr hervorheben, wenn nicht vieles andere hinzugefügt würde. Er ist einer jener Männer, die man zwar als ausgewachsen bezeichnen muß, weil sie nicht zu weiterer Abgeschlossenheit gelangen, deren Abgeschlossenheit aber das große Tor aller Kindheitsphantasien zu sperren vergaß, und darum sind sie jeder Kindertorheit fähig und jeder Kinderweisheit zugänglich.