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Der Jude · 1916-11-01 · Heft 8 (November 1916) · p. 541

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 8 (November 1916)
Article
Grundlagen des Nationaljudentums
Date
1916-11-01
Page
541 (sequence 8)
Language
German
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Grundlagen des Nationaljudentums 541 ihr losgelöste Kern wächst in die allgemein menschliche Uniform der sittlichen Ideen hinaus. Eine Analyse des „Geistes des Judentums" zeigt also: a) das lebendige Judentum ist nicht eine Ideologie und kann daher nicht in einem bestimmten Ideengehalt ein Kriterium haben; b) als Idee hat das Judentum seinen Grund nicht in den Individual-Elementen des Gefühls und der Phantasie, die die schöpferische Kraft des Mythos bilden, sondern in den Universalelementen einer rationalen Sittlichkeit/ die allgemein-menschliche Geltung beanspruchen; diese Idee kann daher kein nationales Kriterium bedeuten, weil sie rational-universal gerichtet und kein nationales Differenzierungsmoment ist. Wir pflegen uns oft zu trösten: das Judentum ist ein ewig sittliches Ideal, das nie aufhören kann — und merken nicht, daß wir damit den tiefsten Judenschmerz ausdrücken: Das Judentum kann nie aufhören, weil es seinem Wesennach übernational, universal ist, d.h. ein allgemein menschliches Kulturideal. Wir verkünden es mit Stolz: die Ideen des Judentums dringen immer mehr in der sittlichen Kultur durch und erobern die Menschheit — und merken nicht, daß wir damit sagen: Die Ideen des Judentums treten immer mehr aus der Sphäre des Nationalen heraus und werden Gemeingut der sittlichen Menschheit. Jede dieser Eroberungen schmälert unsern nationalen Besitz. Diese Ideen sind ihrer rational-universalen Anlage nach nicht bodenständig, sind „transportfähig", eignen sich daher für Mission; sie sind gleichsam mobile Güter, im Gegensatz zu den Individualelementen des Mythos und der Kunst, die tief in der nationalen Persönlichkeit verankert sind und gleichsam immobile Güter des Geistes darstellen. Durch diese universelle Übertragbarkeit und Expansionsfähigkeit der Ideen des Judentums erklärt sich der assimilatorische Gedanke der jüdischen Mission. Es ist nicht von ungefähr, daß die westeuropäische Judenheit im Namen des „Geistes des Judentums", im Namen der universellen Ideen unserer Propheten die Aufgabe des jüdischen Partikularismus, will sagen des nationalen Sonderseins forderten. Aus dem Geiste des Judentums heraus gelangte sie also zur Assimilation. Ist die Erhaltung des Judentums mit der Erhaltung seines sittlichen Geistes identisch, so haben vielleicht unsere modernen Assimilationsrabbiner recht, wenn sie predigen: Wir verrichten in der Diaspora eine hohe Mission des Judentums, wir sind die Zuchtmeister der Welt geworden; unser Geist verbreitet sich über die Menschheit in allen Erdteilen; er wird erhalten, indem er seine nationale Besonderheit aufgibt; er wird gefördert, indem er Gemeingut aller Kultur wird. So konnte David Neumark, auch ein Vertreter des geistigen Judentums, das Kriterium des „Geistes" dahin fassen: Das Judentum ist ewig; das Judentum ist eine Idee, die Idee des Guten. Auch Plato war Jude . . . Wie die Mathematik nicht im Dasein der Mathematiker besteht, sondern in ihren ewigen Wahrheitsbegriffen — so das Judentum . . . Und Kaminka hat (im Achad Haam-Heft des Haschiloach) aus der Definition des Geistes des Judentums den folgerichtigen Schluß ziehen dürfen: Nicht eine Konzentration der Juden gewährleistet den Bestand des Judentums; sondern nur die Zerstreuung kann diese Aufgabe erfüllen, indem durch sie in weiser Vorsehung die Weltanschauung des Judentums in allen Ländern und unter allen Völkern verbreitet wird. . . .

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