Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 8 (November 1916)
- Article
- Grundlagen des Nationaljudentums
- Date
- 1916-11-01
- Page
- 539 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Grundlagen des Nationaljudentums 539 „Juden sind barmherzig, schamhaft und wohltätig" mag, wenn er richtig ist, eine Wertung unseres Wesens, doch nicht ein nationales Kriterium enthalten, 3- Doch angenommen, wir wollten den „Geist des Judentums" als ein Kriterium für das Jude-Sein gelten lassen, so müßten wir uns gegen den Nationalismus entscheiden. Die tiefste Eigenart dieses Geistes bedingt es, daß er nicht den Inhalt unseres nationalen Kriteriums bilden kann. Die meisten antiken Religionen sind in den Elementen des Gefühls und der Phantasie verankert. Sie beide sind an der Schöpfung des Mythos beteiligt, und aller Mythos ist ein Schauen der Gottheit in der Natur. Die jüdische Religion unterscheidet zwei Seinsarten und trennt Gottessein vom Natursein, sie bekämpft den Mythos. Ihre Stärke ist nicht^Gla^e, sondern Erkenntnis („Daath"). Sie beginnt damit, die mythischen"S^teri die Göttergebilde des Gefühls und der Phantasie zu entthronen, und es ist in ihrem rationalen Wesen die Tendenz begründet, aus einer Volksreligion eine Weltreligion zu "werden." ~ Die Kraft der Erkenntnis ist die Urquelle des Judentums. Die Erkenntnis des Einen Gottes hat zur Erkenntnis der sittlichen Einheit, des Sittengesetzes geführt. Und der tiefste Grund der jüdischen Religion ist das Gesetz. Die Opposition gegen den Mythos hatte das Gefühls- und Phantasieelement unterbunden, aber auch das metaphysische Motiv des Mythos. Der Mythos hat ein theoretisches Interesse am Kosmos, sucht die Natur der Welt und die Natur Gottes zu erschauen; die jüdische Religion wehrt sich gegen dieses theoretische Interesse des Mythos an der Welt und Gott, ihre Erkenntnis ist am Menschen orientiert; ist auf ein praktisches Interesse gerichtet, auf die Handlung, auf Tun und Lassen. Die Attribute des jüdischen Gottes sind nicht Attribute des Seins, der Gottesnatur, sondern der Handlung, der Gottesgebote — lehrt Maimonides. Die jüdische Religion kennt keine Metaphysik; sie hat, im Grunde genommen, keine Philosophie. Ihre sogenannte Religionsphilosophie ist sehr spät und unter fremden Einflüssen entstanden. So verstehen wir die fast vereinzelte Erscheinung, daß die jüdische Religion keine Glaubensartikel, keine theoretische Voraussetzung einer Lehre aufzuweisen hat. Jede Religion wird in einem Philosophem, in einer theoretischen Lehre begründet; ihre praktischen Vorschriften ergeben sich aus der ideologen Begründung. Unsere Bibel aber ist teils Chronik, teils Kodex. Wo ist die metaphysische Begründung? „Ich bin Jehova dein Gott" usw. ist die einzige kurze Einleitung, auf die gleich die trocknen Vorschriften folgen: „Du sollst", „Du sollst nicht". Wo die theoretische Grundlegung? Das Gesetz ist der Primat. Unsere Religion hat Gebote und Verbote, Normen, aber keine Lehrgrundsätze, keine Dogmen; diese kamen recht spät und eigentlich nur als systematische Leitmotive. Daher hat die Kabbalah keine Spaltung im Judentum hervorrufen können, da sie nur eine theoretische Neuerung und keine praktische Reform sein wollte; sie hat neue Ideen eingeführt, hat aber am Gesetz nicht gerüttelt. In jeder anderen Religion führt eine neue Lehre, wie die Kabbalah sie darstellt, zur Sektenbildung; die jüdische Religion jedoch duldete von jeher die größten Differenzen theoretischen Charakters, die größten Meinungsverschiedenheiten der streitenden Schulen, solange die Gesetze der Handlung nicht angetastet wurden. Unsere Religion ist tolerant gegenüber ketzerischen Ideen, streng aber in ihrer Forderung der Gesetzesbefolgung,